Cheers for Fears

Eine gelungene Persiflage auf Tierdokumentationen

Die Performance „Level X“ nimmt Bezug auf ein Zitat von Judith Butler. Die Frau tanzen sich frei und ignorieren die Aussagen auf ihrem  Körper.

Die Performance „Level X“ nimmt Bezug auf ein Zitat von Judith Butler. Die Frau tanzen sich frei und ignorieren die Aussagen auf ihrem Körper.

Foto: Björn Stork

Mülheim.   Das Kollektiv Sächsische Schweiz untersucht mit clownesker Komik die Fortpflanzung der Pinguine. Dabei imitieren sie auch die Lokrufe der Tiere.

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Dieses Kostüm, dieser Blick und dann dieses Spiel! Den Weg von Saskia Rudat wird man verfolgen müssen. Ihre einstündige Präsentation „Tiere“ gemeinsam mit Ivo Schneider, der mit ihr an der Folkwang-Hochschule Physical Theatre studiert, riss im Ringlokschuppen auch nach einem schon mehrere Stunden währenden Cheers-for-Fears-Festival die zahlreichen jungen Besucher zu später Stunde aus ihrer Lethargie und provozierte ein Dauerlachen.

Let’s get Physical

Physical Theatre? Man muss nur an den Hit „Let’s get Physical“ denken und sieht sich dann mit seiner Vermutung, dass das irgendwas etwas mit Sex zu tun haben muss, bestätigt. Die beiden vom Kollektiv Sächsische Schweiz zelebrieren das Paarungsverhalten der Tiere, spielen Pinguine, Seesterne sowie Roben, tragen im nüchtern-dozierenden Duktus die Erkenntnisse der Biologen vor und ahmen die Rufe der Tiere nach. Einmal, als das Pinguin-Männchen zu den fernen Fischgründen aufbrechen muss, um für die junge Familie Nahrung zu beschaffen, imaginieren sie einen Dialog in Tierlauten, den sie dann sogleich in menschliche Sprache übersetzen. Grazil und formvollendet gleiten sie später als letzte Heuler ins Wasser und winken mit ihren Flossen.

Bis die Persiflage auf die Tierdokumentationen beginnen kann, dauert es aber noch. Denn Ivo Schneider kommt zuerst im falschen Kostüm, als Flamingo, auf die Bühne. Dort steht Rudat schon in voller Montur und wartet: in einen dicken Daunenschlafsack gemummelt, dessen Oberteil in einen Frack übergeht, die Füße in Taucherflossen und die Hände in Neoprenflossen. Es folgen Szenen voller clownesker Komik. Mit einer Flosse lässt sich noch gerade am Laptop die Datei mit den Windgeräuschen starten, doch sind die Hände zur Bewegungslosigkeit verdammt. Mit ihrem Spiel macht die 1991 in Dresden geborene Performerin schmerzhaft deutlich, wie zentral das Agieren mit den Händen ist, um die Wartezeit zu überbrücken. Und da wirft sie ihrem Partner nicht nur einmal diesen scharfen Blick voller unterdrückter Aggressivität und Ungeduld zu. Als er endlich kommt, hat er noch die Mütze vergessen, was mit den Flossen erneut Problem aufwirft. Nun kann sie nicht anderes und muss ihren Bewegungsdrang in einer wilden Steppnummer ausleben und man begreift, was Physical Theatre im Grenzbereich zwischen Tanz und Theater tatsächlich meint. Großartig.

Choreographische Elemente

Choreographische Elemente, das zeigte das Festival insgesamt, werden wichtiger und selbstverständlicher. So nahmen zuvor drei Frauen ein Zitat der Soziologin Judith Butler zum Ausgangspunkt ihrer Performance. Sie forderten Besucher auf, negative Urteile und Beleidigungen auf ihren Körper zu schreiben. Dann tanzten sie sich frei und wuschen die Aussagen, ohne diese zu verinnerlichen, einfach wieder weg.

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