ZEITGESCHICHTE

Gegen das Vergessen

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Foto: NRZ

Der Künstler Gunter Demnig verlegt morgen acht weitere Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Normalerweise sind Stolpersteine ein Ärgernis. Nicht so bei den 17 000 Steinen, die der Künstler Gunter Demnig seit 1997 bundesweit verlegt hat, um Opfern der NS-Diktatur an ihrem letzten Wohnort ein kleines Denkmal ins Straßenpflaster zu setzen. In Mülheim hat die 2004 von der Realschule Stadtmitte begonnene und seit 2006 vom Stadtarchiv und der Mülheimer Initiative für Toleranz (MIT) fortgeführte Erinnerungsarbeit solche Ausmaße angenommen, dass Demnig, der zuletzt im Dezember in Mülheim war, am Donnerstag erneut kommt, um zwischen 13.30 Uhr und 15.30 Uhr an sechs Orten acht weitere Stolpersteine zu verlegen.

Dann werden insgesamt 52 dieser Steine im Stadtgebiet die Erinnerung an NS-Opfer wach halten. „Wir haben bereits das Geld für 44 weitere zusammen”, lobt Jens Roepstorff vom Stadtarchiv das enorme Interesse und die Spendenbereitschaft der Mülheimer Bürger, die die Opfer der Hitler-Herrschaft vor dem Vergessen retten wollen. Jeder Stolperstein kostet 95 Euro.

Da in Mülheim nur Steine verlegt werden, wenn die Biografie der Opfer vorliegt, werben Roepstorff und Mitstreiter Friedrich-Wilhelm von Gehlen von der MIT für den derzeit auf zwölf Mitglieder geschrumpften Arbeitskreis, der sich im Stadtarchiv an der Aktienstraße trifft, um dort Biografien zu recherchieren und zu dokumentieren.

Im Falle von Anna Lehnkering, für die am 2. April um 13.30 Uhr ein Stolperstein an der Düsseldorfer Straße 38 verlegt wird, wurde die aufwendige Recherchearbeit bereits durch Anna Lehnkerings Nichte Sigrid Falkenstein erledigt. Sie wurde erst durch das Internet auf die Aktion in Mülheim aufmerksam. Neben Falkenstein werden auch eine heute in Düsseldorf lebendeSchwester Lehnkerings und ihr in Speldorf wohnender Bruder Fritz zur Verlegung ihres Stolpersteines erwartet.

Anna Lehnkering ist das erste nachweisliche Euthanasieopfer, für das ein Stolperstein verlegt wird. 1915 geboren, wurde die behinderte Frau im Evangelischen Krankenhaus zwangssterilisiert und 1940 in der Euthanasie-Vernichtungsanstalt Grafeneck ermordet.

Um 13.55 Uhr wird am 2. April an der Liebigstraße 27 ein Stolperstein für Johann Hörstgen verlegt. 1906 geboren, wurde der Elektriker und dreifache Familienvater wegen seines Bekenntnisses als Zeuge Jehovas ab 1936 mehrfach inhaftiert und 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung” und „Landesverrat” ermordet.

An der Duisburger Straße 83 wird um 14.15 Uhr ein Stolperstein für Adolf und Johanna Kaufmann verlegt. Der jüdische Metzger und seine Frau wurden 1939 in einem so genannten Judenhaus an der Bahnstraße interniert und nach ihrer Flucht 1941 in einem KZ ermordet.

Um 14.40 Uhr wird am Wiescher Weg 82 ein Stolperstein für den KPD-Stadtverordneten Fritz Terres (1907-1945) verlegt. Terres wurde im März 1933 erstmals von den Nazis verhaftet und nach seiner Freilassung im Sommer 1944 erneut in einem KZ interniert, wo er im April 1945 an den Verletzungen starb, die er bei einem Luftangriff erlitten hatte.

Um 15.05 Uhr wird an der Bonnstraße 14 an Paul Meister mit einem Stolperstein erinnert. Der Tischler und KPD-Stadtverordnete wurde nach 1933 mehrfach interniert. 1944 kam er ins KZ Flossenbürg deportiert. Nach dessen Auflösung wurden Meister und seine Mithäftlinge von der SS auf einen so genannten Todesmarsch geschickt, an dessen Folgen er am 23. April 1945 starb.

Ein um 15.30 Uhr an der Rheinischen Straße 12 verlegter Stolperstein erinnert an Hermann und Hildegard Haber. Der jüdische Maler und Karikaturist und seine Frau emigrierten 1933 in die Niederlande, wurden 1941 nach Auschwitz deportiert und ein Jahr später dort ermordet.

Auskünfte zur Aktion Stolpersteine beim Stadtarchiv (455-4260) oder http://stolpersteine.muelheim-ruhr.de

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