Theater

Idealstadt-Radio geht in Abrisshäusern Samstag auf Sendung

Das in einem hölzernen Gartenhäuschen eingerichtete Studio: Max Brands moderiert und Jan Godde mischt die Audio-Beiträge.

Das in einem hölzernen Gartenhäuschen eingerichtete Studio: Max Brands moderiert und Jan Godde mischt die Audio-Beiträge.

Foto: Steffen Tost

Mülheim.   Das Ruhrorter-Team hat drei Monate lang Interviews mit 20 Personen über Herausforderungen und Utopien des Zusammenlebens geführt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Auf dem Tisch in dem leerstehenden Ladenlokal steht ein Radiorekorder, wie ihn viele Jugendliche in den 80er Jahren hatten. Es rauscht und knistert, eine plärrende Stimme erklingt. Wanja van Suntum reduziert die Lautstärke etwas, dann kann man den Mann besser verstehen, der von dem Schreibwarengeschäft und der kleinen herzlichen Frau berichtet, die diesen Laden am Amundsenweg jahrzehntelang geführt hat und am Rande der Heimaterde drei Generationen mit Bürobedarf versorgt hatte.

Früher gab es dort auch noch Schiefertafeln, auf denen die Kinder schreiben gelernt haben. Später, unter neuer Leitung, war dort auch eine Lotto-Annahmestelle, die mehrmals überfallen wurde. In gut einem Monat sollen die SWB-Häuser am Amundsenweg und der Kleiststraße mit über 70 Wohnungen abgerissen und durch zeitgemäße Neubauten ersetzt werden. Eine gute Gelegenheit also, die Wohnungen für eine Kunstinstallation zur Idealstadt zu nutzen. Um ein möglichst ideales Zusammenleben geht es auch der Wohnungsbaugesellschaft, mit der Ruhrorter zum zweiten Mal kooperiert.

An 18 Übertragungspunkten Auszüge aus 20 Interviews

Es sind noch drei Tage, bis Radio Idealstadt am Samstag auf Sendung geht. Van Suntum, der mit Adem Köstereli die Ruhrorter am Theater an der Ruhr ins Leben gerufen hat, notiert sich bei dem ersten Probedurchlauf am Mittwoch viele Kleinigkeiten wie die Klangqualität des Radios, an denen noch gefeilt werden muss. Auf zwei Pfaden gehen ab Samstag die Gruppen durch die Gebäude und hören an 18 Übertragungspunkten Auszüge aus 20 Interviews, die die Gruppe in den letzten drei Monaten über das Zusammenleben geführt hat. Sie haben eine Hotline 160/95 11 43 23, auf der jeder Fragen beantworten kann, deren Antworten dann mitverarbeitet werden. Es geht etwa um prägende Erlebnisse in der Wohnung, in der man aufgewachsen ist, oder die Anforderungen an eine Idealstadt. Einfache Fragen, die große Freiheit lassen, aber deshalb auch Gespräche in Gang setzen können, weil andere Gemeinsamkeiten, Gegensätze oder Verblüffendes hören. Die Besucher setzen sich zum Gehörten in Beziehung und denken über ihr eigenes Leben nach.

In einem der Häuser ist auch ein kleines provisorisches Studio eingerichtet, wo spontan geantwortet wird. Da ist eine Frau aus der DDR, die sich an die gesichtslosen und mangelhaften Plattenbauten erinnert. Mit Nachbarschaftseinsätzen musste alles in Ordnung gebracht werden, die endeten dann immerhin, was sie positiv in Erinnerung hat, mit einem Fest. Als Gegenpol ist vom wunderschönen Garten der Oma die Rede, das Dachfenster mit Himmelblick und das Krähen des Hahns, der neben den Kirchenglocken den Schlafenden weckte. Die arabische Flüchtlingsfrau, die kein Spielzeug hat, erzählt von der Barbie, die sie sich aufs Papier gemalt hat, mit der dann auch ihre Schwester spielte.

Zuzugsprotokolle aus dem 18./19. Jahrhundert

Einer der Interviewpartner ist Stadtarchivar Kai Rawe, der eine vorzügliche Radiostimme besitzt und über die geschichtliche Dimension der Zuwanderung spricht. „Was heißt schon fremd. Grenzen sind nicht starr und unbeweglich, wie man denkt. Nach einer Generation kann es wieder ganz anders sein“, sagt er. Es gibt Zuzugsprotokolle aus dem 18./19. Jahrhundert. Es kam, wer gebraucht wurde. Styrum war da noch lange eigenständig. Als nach den napoleonischen Kriegen im Kloster Saarn in der Gewehrfabrik Fachpersonal gebraucht wurde, warb man dieses in Frankreich und Belgien an. Die Arbeiter blieben nicht unter sich, sondern heirateten Saarner Frauen. Noch heute sieht man das an Namen, die nicht hugenottischen Ursprungs sind.

Ruhrorter sprach auch mit der Radiomoderatorin Sanija Mehmeti aus dem Kosovo, die ihnen die Möglichkeiten eines Radios in einer Idealstadt verdeutlichte, und dort über Zwangsheiraten und Armut nachdenkt.

Termine und Karten

Treffpunkt ist das Ladenlokal am Amundsenweg 69-71 um 19.30 Uhr. Der Weg durch die Wohnungen dauert etwa 80 Minuten. Termine im September: am 9. (Sonntag), 12. (Mittwoch), 14. und 15. (Freitag, Samstag).

Das Programm, das am Samstag, 8. September, Premiere hat, wird an fünf Terminen in Privathaushalten präsentiert. Eintritt: 10 /5 Euro, Hartz IV-Empfänger und Flüchtlinge frei; weitere Info: www.ruhrorter.com ; Facebook

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben