Stadtgeschichte

Tonbänder ermöglichen authentischen Mölmsch-Eindruck

Franz Firla hat den Nachlass gesichert. Der pensionierte Lehrer hofft, dass die Tonbänder und das Wörterbuch dazu beitragen können, die Mundart in der Stadt lebendig zu halten

Foto: Michael Dahlke

Franz Firla hat den Nachlass gesichert. Der pensionierte Lehrer hofft, dass die Tonbänder und das Wörterbuch dazu beitragen können, die Mundart in der Stadt lebendig zu halten Foto: Michael Dahlke

mülheim.   50 Jahre lang war der Nachlass von Mundart-Dichter Chird Hardering verschollen. Jetzt wurden Tonbänder und ein Mundart-Wörterbuch gefunden.

Vor 50 Jahren ist Gerd „Chird“ Hardering gestorben, einer der bedeutendsten Dichter in Mölmsch Platt. Am Donnerstag, 14. September, lädt der Stammtisch Aul Ssaan zu einem Mundart-Abend im Haus der Stadtgeschichte ein und kann den Besuchern einen überraschenden Fund aus dem Nachlass der Dichters präsentieren: Bisher noch nie gehörte Tonband-Aufnahmen, auf denen Hardering selbst eigene Gedichte rezitiert.

Aber auf den Aufnahmen ist noch mehr zu hören: Hardering war mit der Hausmeisterin der Schule an der Bruchstraße verheiratet. Auf einigen Aufnahmen ist das Geschrei der Schüler in den Pausen aufgezeichnet worden, man hört aber auch wie die Hausmeister-Frau schimpft - natürlich in Mölmsch Platt. Hier liegt nun also eine authentische Ton-Quelle vor, die dokumentiert, wie in dieser Zeit Platt damals auch noch Alltagssprache war.

Die Aufnahmen sind von einem besonderen Wert

Diese Ton-Beispiele, die aus den 50er und 60er Jahren stammen, sind vom besonderen Wert: Denn Platt ist eben vor allem einen gesprochene Sprache. Wer sich in der Gegenwart darum bemüht, möglichst authentisch in der Mundart zu sprechen, war bisher vor allem auf Erinnerungen von Zeitzeugen angewiesen. Die Tonbänder liefern nun neue Beispiele, an denen sich die Platt-Sprecher von heute orientieren können.

Dass Platt aber auch eine Sprache ist, mit der man sich wissenschaftlich auseinandersetzen kann, zeigt ein anderer Fund aus dem Nachlass: „Wörterbuch und Grammatik der Mülhemer Mundart Mölmsch Platt“ heißt es, ist 350 Seiten stark und wurde von Hardering selbst verfasst. Dass dieser an so einer Untersuchung gearbeitet hatte, war bisher unbekannt gewesen.

Nachlass lag bei der Großnichte in einem Karton

Der Nachlass des kinderlosen Dichters war nach seinem Tod, in einem Karton zusammengepackt, an seine Verwandtschaft gegangen. In diesem Karton befand er sich immer noch, als Franz Firla ihn zufällig entdeckte. Firla, seit vielen Jahren in der Platt-Szene vor Ort aktiv, hatte die Großnichte Harderings kennengelernt. Im Vorfeld des Jubiläums beschloss er, etwas intensiver zu recherchieren und fragte bei ihr nach, ob es denn noch alte Dokumente geben könnte. Da fiel ihr der Karton ein.

„Als ich die Unterlagen durchgesehen habe, hatte ich das Gefühl, dass ich gerade einen Schatz hebe“, beschreibt Firla seinen ersten Eindruck. Fortan stand mehrere Wochen lang bei dem pensionierten Lehrer nur noch Hardering auf dem Stundenplan. Mittlerweile hat er alles gesichtet. Das Buch-Manuskript ist bereits eingescannt worden. Bei dem Mundart-Abend wird es auch in gebundener Form erhältlich sein. Auch einige der Tonband-Aufnahmen sind mit Unterstützung der Medienstelle der Stadt digitalisiert worden. Es ist geplant, eine CD herauszubringen.

Der Fund könnte auch für eine Doktorarbeit interessant sein

„Dieser Fund bietet für die Erforschung von Mölmsch Platt tatsächlich eine neue Basis“, so Firlas Einschätzung. Seiner Meinung nach könnten diese Unterlagen gut im Rahmen einer Doktor- oder Magisterarbeit in Germanistik oder auch in Sozialgeschichte untersucht werden. Interessenten könnten sich gerne melden. Bei dem Mundart-Abend werde es aber trotzdem nicht trocken-wissenschaftlich zugehen, betont er. Zusammen mit seinen Mitstreitern vom Stammtisch „Aul Ssaan“ ist ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm zusammengestellt worden. „Auch diejenigen, die nicht in Platt geübt sind, sind eingeladen. Es gibt Übersetzungen, versichert er.

>>> Chronist des alten Mülheims
Chird Hardering
(1892-1967) gehört zu den vielseitigsten Mundart-Dichtern in Mölmsch Platt. Er veröffentlichte nicht nur Gedichte, schrieb Kolumnen für die Mülheimer Zeitungen und Beiträge für den WDR, er verfasste auch Theaterstücke.

Bei dem Mundart-Abend erhalten die Gäste einen Einblick in Harderings Werk, in dem sich der Alltag im alten Mülheim widerspiegelt. Beginn ist um 18 Uhr im Haus der Stadtgeschichte, Von Graefe-Straße 37. Es wird kein Eintritt erhoben.

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