Dass Fliegen klimaschädlich ist, wissen die Meisten. Aber was, wenn man ganz einfach sein Gewissen beruhigen kann? Wer einen Flug bucht, kann oft über die Airline Geld an eine Organisation spenden. Der Aufpreis soll die CO₂-Emissionen kompensieren, die die eigene Reise verursacht. Aber wie vertrauenswürdig sind diese Angebote? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie kann man CO₂ kompensieren?

Im Buchungsprozess für ein Flugticket können Reisende häufig einen Betrag spenden, um ihren CO₂-Fußabdruck zu „kompensieren“. Dazu gehören Klimaprojekte wie erneuerbare Energien oder Aufforstungen, aber auch Flottenmodernisierung und Einsatz nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF) rechnen die Airlines mit an. Als SAF gelten Biokerosin oder synthetisch hergestellte E-Fuels, die dem rohölbasiertem Kerosin beigemischt werden.

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Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) sieht die Kompensation als Ergänzung zur Klimareduktion im Luftverkehr. Entscheidend seien ausreichend verfügbare SAF, teilte Verband auf Nachfrage mit. Fluggesellschaften haben eigene CO₂-Kompensationsrechner für ihren Buchungsprozess, außerdem gibt es einen Rechner des Umweltbundesamtes. Lufthansa und Eurowings sind die beiden größten deutschen Fluggesellschaften, die CO₂-Kompensation im Buchungsprozess anbieten. Beide gehören der Lufthansa Group an. Auch Condor macht mit.

Flüge sind nicht die einzigen Produkte, bei denen Kunden eine solche CO₂-Kompensation angeboten wird. Ob Getränke, Riegel, oder Kosmetik: Bei vielen Produkten wird pro Kauf beispielsweise ein Baum gepflanzt. Aber Fliegen hat einen der größten Einflüsse auf das Klima.

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Wie viele Menschen nutzen die Angebote?

Laut Lufthansa Group nutzen knapp fünf Prozent ihrer Fluggäste eine der zuvor genannten Möglichkeiten zum nachhaltigeren Fliegen. Die Airlines-Gruppe gehört nach eigenen Angaben zu den weltweit größten Abnehmern der nachhaltigeren Treibstoffe. 2024 hat die Lufthansa Group nach eigenen Angaben circa 20.000 Tonnen SAF eingesetzt, was allerdings nur 0,2 Prozent des Gesamttreibstoffbedarfs entspricht.

Bringen die Projekte wirklich etwas?

Ein Sprecher der Lufthansa Group betonte auf Nachfrage unserer Redaktion, dass Transparenz und Glaubwürdigkeit für die Nachhaltigkeitskommunikation des Unternehmens wichtig seien. Angaben dazu, wie viel Geld genau in welche Projekte fließt macht die Lufthansa Group aber nicht.

Eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich mit 453 Kompensationsprojekten ergab, dass nur etwa 16 Prozent der versprochenen CO₂-Einsparungen durch die untersuchten Fälle erreicht werden. Analysiert wurden Projekte für Aufforstung, erneuerbare Energien, Methanreduktion, Energieeffizienz sowie Projekte speziell zur Flugkompensation. Der tatsächliche Nutzen vieler CO₂-Kompensationsprojekte ist demnach entweder unklar, denn es fehlen unabhängige Kontrollen, oder deutlich geringer als versprochen.

Für Philip Heldt, Referent in der Gruppe Umwelt bei der Verbraucherzentrale NRW, sind CO₂-Kompensationen „moderner Ablasshandel”. Denn: „Man zahlt pro Kilo CO₂ einen Betrag, aber viele Projekte dahinter sind undurchsichtig und schlecht überwacht“. Die Berechnungsplattformen seien nicht komplett unseriös, aber „sie beruhen auf Durchschnittswerten”, sagt er. Ungenaue Berechnungen als valide zu verkaufen ist aus seiner Sicht die größte Täuschung für Verbraucherinnen und Verbraucher. Auch bei extern überwachten Projekten für Aufforstung oder Solaranlagen im globalen Süden gibt es Dinge zu beachten. Ein angebliches Aufforstungsprojekt könne auch eine Plantage für die Papierindustrie sein.

Liefern Unternehmen falsche Versprechen?

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe (DUH), kritisiert die Kompensations-Versprechen von Unternehmen scharf. Allein im vergangenen Jahr habe die DUH 92 Gerichtsverfahren gegen Greenwashing geführt. Kern der Kritik: Klimaaussagen auf Produkten würden gegen eine im vergangenen Jahr in Kraft getretene EU-Richtlinie verstoßen, die sogenannten EmpCo-Standards, die unzulässige Werbeformen regeln.

„Keines der von uns untersuchten Projekte konnte all diese Kriterien erfüllen“, so Resch. Das bedeute nicht, dass jedes Klimaschutzprojekt schlecht ist, aber im Regelfall werde der Kohlenstoffausgleich nicht garantiert. Das Kompensationsmodell der Lufthansa bezeichnete die DUH als „Verbrauchertäuschung“ und „Greenwashing“. Der Rechner berücksichtige nur einen Bruchteil der klimawirksamen Faktoren eines Fluges, keinen Effekt von Kondensstreifen oder Ozonbildung. Doch dieser Effekt könne die Klimaauswirkungen des Flugverkehrs teilweise vervielfachen, hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) unlängst in einer Studie ermittelt.

Die Lufthansa Group weist die Vorwürfe des Greenwashings zurück. Der Effekt von Kondensstreifen oder Ozonbildung sei nicht ausreichend erforscht.

09.11.2023, Kondensstreifen eines Verkehrsflugzeuges am Himmel über München (Bayern) 09.11.2023, Kondensstreifen am Himm
Kondensstreifen eines Verkehrsflugzeuges am Himmel über München.© imago/MIS | IMAGO stock

Was empfehlen Experten Verbrauchern?

Wer trotzdem für das Klima spenden möchte, dem legen Jürgen Resch und Philip Heldt nahe, auf eigene Faust ein Projekt zu suchen. Um die CO₂-Masse mit einem Spendenbetrag zu verrechnen, empfiehlt Heldt den Rechner des Umweltbundesamtes.

Eine seriöse Organisation oder das Produkt müsse klar nennen, was genau gefördert wird, wo und wie die Kompensation funktioniert, heißt es bei der Verbraucherzentrale und dem Umweltbundesamt. Als valide Zertifizierung gilt der Verified Carbon Standard (VCS), bei dem Projekte Validierungs- und Verifizierungsprozesse durch unabhängige Prüfer durchlaufen müssen. Eine solche Zertifizierung ist der sogenannte „Gold Standard”, der unter Mitwirkung des WWF entstanden ist und neben CO₂-Minderung auch sozialen und ökologischen Mindestanforderungen unterliegt.

Besser als Emissionen zu kompensieren, sei es aber, sie nicht zu verursachen. Laut Philip Heldt bedeutet das: Seltener mit dem Flugzeug zu reisen, „und wenn man unbedingt fliegen will oder muss, dann bewusst.“ Für die Infrastruktur, beispielsweise eine funktionierende Bahn, sieht er die Politik in der Verantwortung. CO₂-Kompensation könne nicht die Hauptlösung sein: „Wir brauchen auch einen politischen Wandel.“

Was plant die Bundesregierung?

Dass Unternehmen Treibhausgasemissionen reduzieren, hat auch laut eines Sprechers des Bundesumweltministeriums „unbedingt Vorrang gegenüber dem Kompensieren“. Die Verbraucherzentralen fordern zudem Informationsrechte und Transparenzverpflichtungen auf Basis der neuen Richtlinie der EU-Kommission „Green Claims Directive“, die Angaben wie „klimaneutral“, „nachhaltig“ oder „biologisch abbaubar“ nur erlaubt, wenn sie wissenschaftlich belegt und verifiziert sind.

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Das Beste aus dem ersten Jahr
Meine schwerste Entscheidung
 

Die EU-Mitgliedstaaten sind verpflichtet, die Richtlinie bis zum 27. März 2026 in nationales Recht umzusetzen.  Für Verbraucherinnen und Verbraucher soll es so nachvollziehbarer werden, wie nachhaltig und seriös Kompensationsprojekte wirklich sind. Einem entsprechenden Gesetzesentwurf müssen Bundesrat und Bundestag noch zustimmen.