Der Herr der Bienen hat die Tierchen im hinteren Bereich seines riesigen Blumengartens untergebracht. Weit weg von der Terrasse seines Wohnhauses stehen mehrere Holzkisten im Gras, im Kurztakt kommen Honigbienen angeflogen und verschwinden summend in den künstlichen Nisthöhlen. Rob Plomp (64) ist ein Mann ohne Furcht, der Imker trägt keinen Schutzanzug. Zwar werde er „ungefähr sieben Mal am Tag“ gestochen. Das jedoch mache ihm nichts aus: Er beschäftigt sich seit 40 Jahren mit Bienen und ist abgehärtet. Wenn eine zusticht, merkt er nichts.

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Plomp betreibt mit seiner Partnerin Jacqueline Niemeijer (54) seit sechs Jahren einen 7000 Quadratmeter großen „Bloementuin“ im Dörfchen Westendorp. Lauter Gemüsebeete, Brombeersträucher und dazwischen die Bienen – die beiden haben sich mit dem Naturalienvertrieb „Combijn – Bijen en Groen“ ihren persönlichen Traum vom Leben in der Natur erfüllt. Auch wenn sie vom Verkauf des Rosenkohls und des Honigs allein nicht leben können und deshalb als Gartenberater dazuverdienen. „Jeder Honig schmeckt anders. Es kommt darauf an, von welchen Blüten sich die Bienen ernähren“, schwärmt Plomp.
Der Achterhoek ist die „hintere Ecke“ der Niederlande
Die Region Achterhoek, seine Heimat, sei ein optimales Imkerrevier: „Die Bienen haben einen Radius von drei bis vier Kilometern, sie fliegen bis nach Doetinchem. Viele Menschen in dieser Gegend besitzen Blumengärten. Bienen können hier gut leben.“
Nicht nur die. Jacqueline Niemeijer stammt aus der Nähe von Amsterdam. Zunächst habe sie sich an das Landleben gewöhnen müssen. Heute findet sie den Achterhoek so wunderbar, dass mittlerweile auch ihre Eltern hergezogen sind. Zu viert wohnen sie inmitten der Beete und Bienenstöcke. Eine Rückkehr in die Stadt wollen sie sich nicht mehr vorstellen.

Der Achterhoek, das ist ins Deutsche übertragen „die hintere Ecke“ unseres Nachbarlandes. Eine charmante Landschaft in der Provinz Gelderland, die sich über etwa 50 Kilometer von West nach Ost ausdehnt. Wer sich Zeit nimmt, die von den meisten Niederlande-Reiseführern ignorierte Region mit dem Fahrrad abzufahren, entdeckt einsame Bauernhöfe, Dörfer mit niedrigen Häusern aus rotbraunem Backstein, Maisfelder, viele Wiesen und ein paar sehenswerte Kleinstädte. Unaufgeregt, würden Fans sagen. Oder, weniger positiv betrachtet: Die Gegend jenseits der deutschen Grenze ist etwas öde.
Zugleich erlebt der Achterhoek einen Aufschwung. Seit Corona kommen immer mehr Großstädter vorbei und testen ein Wochenende lang totale Ruhe. Das hat mit den umtriebigen niederländischen Tourismusmanagern zu tun, die Themenrouten wie „Lekker Lokaal“ und „Smaakmaker“ erdacht haben und den Achterhoek so als kulinarisches Reiseziel bekannter machen. Aber nicht nur. Die zarte Blüte verdankt die Region jungen Unternehmern, die den Wandel gestalten, die Cafés eröffnen und Geschäfte, die Verantwortung dafür übernehmen, dass ihr Wohnort eine Zukunft hat.
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Zwei niederländische Paare erfüllen sich ihren Traum vom ruhigen Leben
Auf einem Campingplatz ganz in der Nähe des Westendorper Bienengartens sind zwei Schwägerinnen damit beschäftigt, die Anlage winterfest zu machen. „Nessst“ geht in die Kältepause, erst im April macht das Gelände wieder auf. Zwei Familien betreiben den Platz: Henrik und Joost, die beiden Männer, kümmern sich um alles, wofür man Werkzeug in die Hand nehmen muss. Carlyn Wittink (41) und Annebeth Ebbers (40), die Schwägerinnen, sind Herz und Gesicht des Betriebs. An einem verregneten Nachmittag erzählen sie bei einem wärmenden Kaffee ihre Geschichte.
„Früher waren wir ständig im Stress. Wir wollten ruhiger leben und mehr Zeit für die Familien haben“, so Wittink. 2020 kamen sie auf einer Fahrradtour an dem Campingplatz vorbei. Spontan fragten sie die damaligen Eigentümer, ob die bereit wären, zu verkaufen. Sie waren. „Jetzt leben unsere beiden Familien zusammen auf dem Platz, insgesamt zwölf Personen. Die Kinder finden es toll, sie finden auf dem Gelände immer jemanden zum Spielen.“

Die meisten Gäste kommen aus Amsterdam, Rotterdam, Den Haag. Sie wollen raus aus der Stadt, viele kommen den Frauen bei der Ankunft „sehr erschöpft“ vor. Die Schwägerinnen beobachten, dass sich das Image des Achterhoeks wandelt. „Die Pandemie hat der Region einen enormen Schub beschert. Die Leute wollen keinen Übertourismus mehr, sie wollen nicht zu Sehenswürdigkeiten reisen, die von irgendwelchen Influencern gehypt werden“, glaubt Wittink. Der Achterhoek sei ein Krisengewinner. „Während Corona konnte man nicht viel machen. Aber Wandern und Radfahren war erlaubt, und dafür ist der Achterhoek optimal.“
Auch vom Trend zum Homeoffice profitiert der Landstrich: Büromenschen, die einst für ihren Arbeitsplatz in die Metropolen gezogen sind, kehren nun in ihre Heimatdörfer zurück. Am Computer sitzen können sie schließlich auch in Vororten von Zutphen, Doesburg oder Winterswijk.
Klassische Sehenswürdigkeiten? Im Achterhoek sind das Schlösser und Kleinstädte
Unsere Entdeckungstour führt vorbei an den wenigen echten touristischen Höhepunkten, am Schloss Ruurlo mit einer sehenswerten Werkschau des düsteren Kunstmalers Carel Willink (†1983) und an Bronkhorst, einem hübschen Dorf, das die Tourismusleute übertreibend als „kleinste Stadt der Niederlande“ bewerben. Sie endet auf dem Apfelhof der Familie Horstink.

Er wird geführt von den Geschwistern Sophie (28) und Gijs (30), gegründet haben ihn 1928 ihre Urgroßeltern. 2021 übernahm die nächste Generation – sie trat an, um den Hof in die Zukunft zu führen. Die Horstinks verkaufen Obst an Supermärkte und Restaurants, stellen Cider her, betreiben einen Hofladen. Für Sophie kam es nicht infrage, den Achterhoek zu verlassen. „Hier kennt man sich, das genieße ich total“, sagt sie mit Blick auf endlos scheinende Apfelplantagen. „Es gibt weniger Stress, die Menschen sind füreinander da. Ich stelle mir vor, dass sich das Leben früher überall so anfühlte.“ Im Achterhoek ist die Zeit nicht stehen geblieben. Aber sie hat definitiv Verspätung.
Hinweis der Redaktion: Die Recherchereise wurde von der Tourismusagentur NBTC unterstützt.





