Draußen ist es kalt und grau, als Miriam von der Arbeit nach Hause kommt und sich an ihren Esstisch setzt. Regentropfen fließen die großen Fensterscheiben des modernen und stilvoll eingerichteten Wohnzimmers herunter. Es ist noch keine zwei Jahre her, dass sich die 40-Jährige ihren großen Traum erfüllen konnte und mit ihrem Mann Daniel in ihr gemeinsames, neu gebautes Haus in Werne einzog. Doch immer wieder denkt sie an die Zeit zurück, in der ihr Traum vom Eigenheim zu platzen drohte: Beinahe scheitert die Finanzierung – dabei spielt das Geld keine Rolle. Denn zwischen Gesprächen mit Architekten, Banken und Versicherungen wird Miriam plötzlich von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt.
„Wir waren schon ein paar Jahre verheiratet und haben immer von einem eigenen Haus geträumt“, erinnert sie sich mit einem Lächeln im Gesicht. „Dann haben wir erfahren, dass hier mehrere neue Reihenhäuser gebaut werden sollen und haben uns direkt das Grundstück und die Pläne angesehen.“ Und das Ehepaar ist begeistert, auch der Preis scheint machbar. Jetzt muss nur noch ein Kredit her. Miriam, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, ist Bilanzbuchhalterin, ihr Mann Abteilungsleiter in einem Verpackungsunternehmen. Kinder haben die beiden nicht. Trotzdem bekommen sie erstmal keinen Kredit für ihr Traumhaus. Warum nicht?
Krebs besiegt, doch die Folgen halten an
Bei einem Hauskredit geht es um hohe Summen. Die Bank braucht also auch eine Absicherung, wenn sie ein Darlehen vergibt. Häufig geschieht das über eine Lebensversicherung des Kreditnehmers. Doch die will Miriam niemand geben. Der Grund: Eine Erkrankung vor fast 15 Jahren. Denn 2010 erkrankte die damals 26-Jährige an Leukämie, auch bekannt als Blutkrebs.
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„Das kam damals komplett aus dem Nichts und hat von heute auf morgen alles auf den Kopf gestellt“, erzählt Miriam, die bis dahin ein ganz normales, unbeschwertes Leben führte. Als sie im November 2010 immer mehr blaue Flecken auf ihren Beinen bemerkt, geht sie nach ein paar Tagen zum Arzt. „Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass es etwas Schlimmes ist, ich hatte ja auch keine Schmerzen.“ Doch als er ihre Blutwerte sieht, schlägt der Arzt sofort Alarm: Miriam schwebt in Lebensgefahr. Am nächsten Morgen wird die junge Frau sofort im Krankenhaus aufgenommen.
Und plötzlich Blutkrebs: Miriam bleibt vier Monate isoliert
Dann geht alles ganz schnell. Noch im gleichen Monat muss sich Miriam ihrer ersten Chemotherapie unterziehen. Sie verliert ihre Haare, wird körperlich immer schwächer, kann kaum noch laufen und muss rund um die Uhr isoliert in ihrem Krankenzimmer bleiben. „Vier Monate musste ich dort sein und durfte in der Zeit kaum Besuch empfangen, weil mein Immunsystem so geschwächt war. Und laufen konnte ich höchstens mal ganz langsam im Krankenhausflur“, erinnert sie sich nachdenklich.
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Auch beruflich hat ihre Erkrankung damals Konsequenzen: Ihren neuen Job als Steuerfachangestellte, den sie zum 1. Januar 2011 antreten wollte, muss sie wieder absagen, ihre Weiterbildung zur Bilanzbuchhalterin aufschieben. „Mit 26 hat man so große Pläne und Ziele. Die dann plötzlich auf unbestimmte Zeit zurückzustellen, war nicht leicht. Aber genau das hat mir wahrscheinlich auch Kraft und Motivation gegeben. Selbst in dieser Zeit habe ich mein Lächeln nie verloren.“
Miriam erkämpft sich ihr Leben zurück
Und ihre positive Einstellung zeigt Wirkung: Nach vier Monaten kann sie das Krankenhaus wieder verlassen, wird von Woche zu Woche fitter. „Ein Jahr lang habe ich dann noch von Blutbild zu Blutbild gelebt“, sagt Miriam. Um sicherzugehen, dass der Krebs nicht wiederkommt. Doch Miriam bleibt gesund, gilt inzwischen offiziell als krebsfrei. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nochmal an Krebs erkranke ist bei mir also jetzt ähnlich gering wie bei jedem anderen gesunden Menschen“, erklärt sie. Doch Versicherungen sehen das offenbar anders.

Diese dürfen vor dem Abschluss schließlich Fragen zur Gesundheit und zu vergangenen Krankheiten stellen – im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Deutschland dabei noch keinen zeitlich begrenzten Rahmen. „Ich musste also auch meine Krebserkrankung angeben, obwohl die zu dem Zeitpunkt schon 13 Jahre her war und ich auch nie einen Rückfall hatte. Trotzdem wurde ich überall mit der Begründung abgelehnt, dass mein Erkrankungsrisiko zu hoch sei“, sagt die heute 40-Jährige, die das Vorgehen der Versicherer für Diskriminierung hält. „Egal wie viel Zeit vergeht: Ich trage immer diesen Stempel“
Erfahrungen mit anderen teilen
Ihre Erkrankung liegt zwar schon viele Jahre zurück, „aber diese Zeit wird immer ein Teil von mir sein. Nicht zuletzt, weil ich dadurch total viel gelernt habe“, sagt die Krebsüberlebende Miriam. Um mit ihren Erfahrungen auch anderen zu helfen, leitet sie heute den Treffpunkt Ruhrgebiet der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs.
Hier treffen sich junge Betroffene in unregelmäßigen Abständen, um Erfahrungen auszutauschen. „Unsere Erkrankung verbindet uns, deshalb reden wir auch darüber. Aber eben nicht nur. Manchmal haben wir auch einfach nur einen schönen Abend zusammen und unternehmen etwas“, erzählt Miriam. Interessierte können sich per Mail an treffpunkt-ruhrgebiet@junge-erwachsene-mit-krebs.de wenden.
Doch Miriam und Daniel wollen ihr Traumhaus nicht einfach aufgeben und bleiben hartnäckig – bis ihnen eine Bank einen Kompromiss anbietet: „Da immerhin mein Mann eine Risikolebensversicherung hat, haben die ein Auge zugedrückt und von mir dann auch eine Unfallversicherung als Absicherung akzeptiert.“ Viele andere Betroffene haben diese Möglichkeit nicht. Hätte Miriam alleine einen Kredit aufnehmen wollen, hätte das nicht funktioniert. „Trotzdem bin ich überglücklich, dass wir uns unseren Traum dann doch noch erfüllen konnten.“ Ihr Krankheitsgeschichte werde immer ein Teil von ihr sein, „das ist auch okay. Aber ich nehme daraus vor allem die positiven Dinge mit, die ich in dieser Zeit gelernt habe. Davon einschränken lasse ich mich nicht.“
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