Der alte Bollerwagen ist nicht zu übersehen. Oder zu überhören. „Ja“, sagt Ingeborg Deselaers-Pottgießer mit einem Lachen, „der ist mittlerweile ganz schön betagt.“ Wenn sie damit durch die Straßen von Wesel spaziert, ist ihr die Aufmerksamkeit aller Vorbeikommenden garantiert. Aber auch sie selbst fällt auf – mit ihrer roten Bluse, die längst zu ihrem absoluten Markenzeichen geworden ist. Das hat sie sich von ihrem großen Vorbild abgeguckt, verrät sie, „Christoph von der ‚Sendung mit der Maus‘ hatte ja immer einen grünen Pulli an.“ Und auch an diesem Vormittag, an dem sie ausnahmsweise mal nicht unterwegs, sondern zuhause ist, trägt sie ebenjenes Oberteil. Denn sie möchte einen exklusiven Einblick in ihre „Schatzkammer“ geben, wie sie ihr Arbeitszimmer nennt. Hier sucht sie alle Dinge zusammen, die sie braucht, um einen unvergesslichen Kindergeburtstag zu gestalten.

Und hier sitzen auch ihre beiden Mitarbeitenden. Darf sie vorstellen? „Das sind Fritz und Alma“, erklärt die 57-Jährige und zeigt auf die beiden Stoffpuppen. Sie sind dabei, seit sich ihre „Chefin“ vor vier Jahren für einen beruflichen Neustart entschieden hat. Statt weiter im Kindergarten zu arbeiten, kam ihr damals eine Idee... „Ich wollte schon immer Stadtführungen für Kinder anbieten“, erzählt sie. „Denn es gibt so viele Geschichten und die muss man erzählen!“ Als sie einmal diesen Gedanken zugelassen hatte, sprudelte es nur so aus ihr heraus. „Ich war ganz strubbelig und unsortiert“, gibt sie zu. Weil es einfach so viel zu zeigen, so viel zu erleben, so viel zu entdecken gibt! Und auch jetzt noch ist ihr die Begeisterung deutlich anzumerken, wenn sie durch ihre Schatzkammer läuft, die im Laufe der Zeit immer voller geworden ist.

In Wesel darf der Esel nicht fehlen

Da wäre beispielsweise der Esel, der in Wesel ja grundsätzlich nie fehlen darf – besonders aber nicht bei der Führung „Fritz & Alma... Und das Tischlein deck dich“, die sich ums Essen und Trinken im Mittelalter dreht. Dafür holt Ingeborg Deselaers-Pottgießer nun gleich noch einen Becher heraus, der ziemlich seltsam anmutet... „Das ist ein Nuppenbecher“, sagt sie, während sie über die Nuppen, also die runden Erhebungen auf dem grünen Glas streicht. Wozu die gut waren? Nun, erklärt sie weiter, „im Mittelalter hat man mit den Fingern gegessen, wodurch die Finger ganz flutschig wurden.“ Und damit der Becher nicht „wegflutschte“, gab es die Nuppen. Das war natürlich ein Luxus, den sich nicht alle leisten konnten. Aber was tranken die Leute denn damals überhaupt? Wasser? Nunja, sie kann ja gleich mal eine Flasche holen...

Für Kindergeburtstage gibt es auch spezielle Einladungskarten, die Ingeborg Deselaers-Pottgießer anbietet.
Für Kindergeburtstage gibt es auch spezielle Einladungskarten, die Ingeborg Deselaers-Pottgießer anbietet. © FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

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Nee, der Dreck darin macht nicht wirklich Lust auf einen Schluck. Ingeborg Deselaers-Pottgießer nickt. „Das erklärt, wieso früher kein Wasser getrunken wurde.“ Stattdessen gab‘s... Bier, wie sie passenderweise dann beim Spaziergang durch die Bierbrauerstraße erzählen kann. Und ja, auch für Kinder. „Ich sage immer, dass früher vieles ganz anders war“, betont sie. So gab‘s beispielsweise früher auch 130 Fastentage, an denen die Leute kein Fleisch essen durften. Also theoretisch. Und praktisch überlegten sie sich einen Trick. „Sie haben das Fleisch in Teig eingewickelt“, erzählt sie. „So sind Tortellini oder auch Maultaschen entstanden.“ Letztere heißen übrigens im Schwäbischen „Hergottsb‘scheißerle“ und nach dieser Geschichte ist klar, woher der Name kommt... Doch die Kinder hören bei den Führungen nie einfach nur zu, sondern werden selbst auch zu Stadtentdeckerinnen und Stadtentdeckern.

Auf der Suche nach dem Silberschatz

Beispielsweise, wenn sie sich auf die „Suche nach dem Silberschatz“ begeben. „Das ist die beliebteste Führung“, erklärt die 57-Jährige. „Wahrscheinlich, weil sie besonders viele spielerische Elemente enthält!“ So können die Kinder beispielsweise im Team ein Puzzle lösen, das am Ende das Bild eines Geusenbechers zeigt. „Damit haben sich die Geusen, das waren Glaubensflüchtlinge, bei der Weseler Stadtgesellschaft dafür bedankt, dass sie hier leben und arbeiten durften“, erklärt sie. Über die Geflüchteten freuten sich damals nicht alle, dabei profitierte gerade das Handwerk von ihnen. Dazu holt sie nun einen kratzigen Jutestoff, „den damals die Weseler Tuchmacher hätten herstellen können.“ Für eine Kuscheldecke nicht wirklich geeignet... Ganz im Gegensatz zu diesem, natürlich roten, Samtstoff, „denn die geflüchteten Tuchmacher brachten ganz neue Ideen mit.“

Ingeborg Deselaers-Pottgießer erzählt Kindern gerne Geschichten – besonders, wenn sie mit der Stadt Wesel zu tun haben.
Ingeborg Deselaers-Pottgießer erzählt Kindern gerne Geschichten – besonders, wenn sie mit der Stadt Wesel zu tun haben.© Katharina Neuenhaus

Die Stadtentdeckerin von Wesel

Ingeborg Deselaers-Pottgießer bietet nicht nur Stadtführungen für Kinder, sondern auch für Erwachsene an. Auf ihrer Homepage hat sie alle Angebote aufgelistet: https://stadtentdecker-wesel.de/

Außerdem gibt sie einen kleinen Einblick in ihre Arbeit auf Instagram unter stadtentdeckerwesel

Kindergeburtstage mit maximal zwölf Teilnehmenden dauern bei ihr im Schnitt zwei Stunden. Preise teilt sie auf Nachfrage mit: 0151/24017007 oder per E-Mail an kontakt@stadtentdecker-wesel.de

Zu sieben verschiedenen Themen hat Ingeborg Deselaers-Pottgießer ein jeweiliges Konzept entwickelt – und immer wieder kommt ein neues Thema hinzu. Weil die Stadt, aber auch die Natur rund um Wesel, einfach so viel zu bieten hat! Sie könnte noch von der Suche nach Fröschen rund ums Haus Esselt erzählen, vom Angeln nach Holzfischen, vom Schreiben auf Schiefertafeln... Aber eigentlich macht es noch viel mehr Spaß, das alles selbst zu erleben! Deshalb zieht sie nach einer kurzen Sommerpause bald wieder los mit ihrem Bollerwagen, der gerade noch im Fahrradschuppen steht. Aber direkt daneben steht ja noch einer? Sie lacht. „Den hat gerade ein Freund aufbereitet.“ Nach über 3000 Fahrten darf das alte Exemplar irgendwann auch mal in seinen wohlverdienten Ruhestand. Aber der neue Bollerwagen ist mit seinem strahlenden Blau schon jetzt ein echter Hingucker!