Matthias Jacobs und Ingo McGraw arbeiten routiniert Hand in Hand. Sie stecken die Mittelstange für den „kleinen Igel“ ineinander, setzen die Stange im Eingangsbereich, ziehen hier und da an dem schweren hellen Stoff. Nach und nach richtet sich das Rundzelt auf. Jetzt fehlt nur noch eine Plane für den Boden. Wenn alles fertig ist, haben hier bis zu sechs Personen Platz zum Übernachten. Mit den schwarzen Jurten gibt es auch noch größere Zelte mit mehr Schlafplätzen. Klassisches Camping könnte man denken. Doch wenn die beiden Klever sich mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen aufmachen, Zelte und Ausrüstung in den Sprinter packen und sich selbst dann aufs Fahrrad schwingen, ist ihre Art zu zelten ganz anders. Sie sind langjährige Mitglieder der Pfadfinder des Klever Ortsteils Materborn. Ganz offiziell heißen sie Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg Stamm Materborn.
Camping, das bedeutet für sie vor allem Abenteuer. Denn Pfadfinder verzichten in ihren Zeltlagern auf jeglichen Luxus. Was nicht in den Sprinter passt oder auf dem Fahrrad transportiert werden kann, bleibt zu Hause. Einziges Zugeständnis, sagt Matthias Jacobs, seien sanitäre Anlagen. „Wenn wir einen Tisch oder eine Bank brauchen, bauen wir das selbst“, erklärt der 24-Jährige. Das Werkzeug dafür haben sie immer dabei. Und das Material? „Das gibt‘s entweder in der Umgebung oder wir besorgen es.“ Ähnlich geht es schon beim Zeltaufbau zu. Das müssen die Kinder und Jugendlichen ebenfalls selbst machen. „Natürlich helfen wir den Jüngeren dabei“, schmunzelt Jacobs, „aber wenn sie es nicht richtig machen, kann es passieren, dass es reinregnet.“ Er selbst erinnert sich bis heute daran, wie er sich als Jung-Pfadfinder ewig abmühte, eine Hängematte zwischen zwei Bäumen zu befestigen. „Als wir irgendwann dachten, das Seil fest genug verknotet zu haben, fiel die Matte leider wieder runter.“

Jeder passt auf den anderen auf
Diese Strategie der Pfadfinder, erklärt Ingo McGraw, habe nichts mit Alleingelassen werden zu tun. „Es geht darum, sich ausprobieren zu können.“ Er selbst habe es schon immer geliebt, draußen in der Natur und unabhängig zu sein, verrät der 49-Jährige, der wie Jacobs auch zum Stammesvorstand gehört. „Es gibt für mich nichts Schöneres als diese Freiheit zu spüren, und wenn ich Hunger bekomme, angle ich mir einen Fisch“, lacht er. Pfadfinder zu sein, das bedeute eine Gemeinschaft zu haben, in der jeder auf den anderen aufpasse.
Wie alles anfing bei den Pfadfindern
Die Pfadfinderbewegung blickt auf eine lange Geschichte zurück. Das erste Lager wurde 1907 vom ehemaligen britischen General Robert Baden-Powell auf der englischen Insel Brownsea Island durchgeführt. 2011 gehörten weltweit mehr als 60 Millionen Kinder und Jugendliche aus 216 Ländern und Gebieten dazu. Die Jüngsten ab sechs Jahren sind die Wölflinge, nach Alter gestaffelt folgen Jungpfadfinder, Pfadfinder und Rover (15 bis 18 Jahre). Der Materborner Stamm, die örtliche Gruppe der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg, wurde 1953 gegründet. Die Gruppen treffen sich in den Räumen des Pfarrheims, Kleve, Dorfstraße 25. Wer sich für die Pfadfinder interessiert und mehr über ihre Aktivitäten erfahren möchte, kann mit Matthias Jacobs unter 0177/2591779 oder per Mail unter dpsg.materborn@web.de Kontakt aufnehmen.
Für ihre Zeltlager suchen sich die Materborner Pfadfinder ganz bestimmte Plätze aus. Zu finden sind sie überall in Europa. Meistens, so Matthias Jacobs, wählten sie Plätze in der näheren Umgebung, die man mit dem Rad gut erreichen könne. So campt die Gruppe, der aktuell zwischen 30 und 40 aktive Mitglieder angehören, im nahen Elten bei Emmerich, fährt über die Grenze nach Mook oder schlägt ihre Zelte bei den Pfadfindern am Collegium Augustinianum Gaesdonck bei Goch auf. So ganz viele Möglichkeiten gebe es nicht, bedauern beide. Zum einen seien viele Zeltplätze schnell ausgebucht, zum anderen sollen sie ganz bestimmte Bedingungen erfüllen. Pfadfinder lassen sich gern in Wald- oder Flussnähe nieder. Auch ein See werde gern genommen, erinnert sich Matthias Jacobs ans Zelten am Weseler Auesee.

Wasser auf der Feuerstelle erhitzen
Den Tagesablauf im Camp, Aufgaben wie Kochen oder Spülen und die vielen gemeinsamen Aktivitäten, organisieren Jacobs und McGraw lange, bevor es losgeht. „Wir legen vorher fest, wer was macht, wann Aufstehzeit ist, laden dann zur Morgenrunde und zum Frühstück, sprechen ein Tischgebet“, erklärt Jacobs den Start in den Tag. Schließlich gehört neben der Liebe zur Natur auch die Verbundenheit zur Religion zum Pfadfinderleben dazu. Wenn dann das Geschirr gespült ist – das Wasser dafür wird zuvor auf der Feuerstelle erhitzt, denn natürlich gibt es im Camp auch keine Spülmaschine – startet der nächste Teil der Pfadfinder-Ferien. „Wir gehen schwimmen oder paddeln, machen eine Rallye durch die Stadt oder den Wald“, zählt Jacobs einige der Möglichkeiten auf.
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Nach dem gemeinsamen Mittagessen, für das im Übrigen seit vielen Jahren „Smutje“ Ingo McGraw zuständig ist, gibt es viel Zeit für eigene Unternehmungen. Apropos Essen, da gönnen sich die Materborner immerhin einen Gasgrill. Für Stockbrot gibt‘s dann natürlich wieder die selbst errichtete Feuerstelle, wenn Pizza auf dem Speiseplan steht, wird die auf dem – selbstverständlich selbst gebauten – Pizzagrill gebacken. „In den Abend hinein wird es entspannter“, so Jacobs. „Wenn wir dann alle zusammen am Lagerfeuer sitzen und alte Lieder singen oder in Erinnerungen schwelgen, wenn wir in unseren Zelten liegen und dem prasselnden Regen zuhören, ist das ein Gefühl, das so viel schöner ist als Urlaub“, schwärmt er. Für ihn, der schon als Kleinkind dabei war, weil auch seine Eltern begeisterte Pfadfinder waren, geht nichts über die familiäre Atmosphäre in den Camps und den „ganz anderen Zusammenhalt“ untereinander.
Zurückgeben, was er selbst erlebt hat
So sieht es auch Ingo McGraw, der seit über 40 Jahren Pfadfinder ist und weitermachen möchte, „solange ich kann“. Er wolle den Kindern zurückgeben, was er selbst erlebt habe. Pfadfinder sein, das bedeutet für ihn Leidenschaft, Abenteuer und Gemeinschaft. Und „wenn man zurück zu Hause nicht nach Feuer riecht“, grinst er, „dann ist irgendwas schief gelaufen. Denn Pfadfinder“, und davon ist er überzeugt, „stinken nicht, sie riechen nach Abenteuer.“


