Noch heute erzählen Gastarbeiter ihren Enkeln, wie sie einst nach Deutschland kamen. Geflüchtete berichten von der Überfahrt über das Meer, von der Balkanroute und von ihrer Ankunft in einem ihnen fremden Land. Es sind lange Geschichten, geprägt von Trennung, Angst, Rassismus und dem mühsamen Versuch, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Doch wer wird diese Geschichten weitertragen, wenn die Großeltern sich nicht mehr erinnern können?

Eine Antwort darauf gibt das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD). Seit den frühen 1990er-Jahren sammelt der Kölner Verein Einwanderungsgeschichte. Damals, in einer Zeit rassistischer Anschläge und großer gesellschaftlicher Spannungen nach der Wiedervereinigung, stellten Migranten, vor allem aus der Türkei fest, dass niemand ihre Perspektive festhielt. Aus dieser Initiative entstand DOMiD. Nun entsteht daraus in Köln das bundesweit erste große Migrationsmuseum, das „Museum Selma“.

Museum Selma: Name hat verschiedene Bedeutungen von Frieden

Der Name des Museums ist bewusst gewählt. Er steht für eine weibliche Perspektive auf Migration. Denn diese wird oft als männlich dominiert wahrgenommen. „Der Name lädt schon jetzt zu einem Perspektivwechsel ein, genau wie das Museum es auch tun wird“, sagt DOMiD-Pressesprecher Timo Glatz. Der Name sei leicht zu merken, international verständlich und passe zum Konzept. „Der Name Selma ist in vielen Sprachen und Kulturen zuhause, von Arabisch bis Althochdeutsch, und hat verschiedene Bedeutungen von Frieden.“

In den vergangenen Jahren hat DOMiD laut Vorstandsmitglied Elif Senel etwa 150.000 Objekte gesammelt. Dabei handelt es sich um Dinge aus dem Alltag von Migranten und Geflüchteten. Dazu gehört beispielsweise ein Lungenvolumenmessgerät aus Istanbul, in das angeworbene Arbeitsmigranten hineinblasen mussten, um ihre Tauglichkeit für den deutschen Arbeitsmarkt zu beweisen. Oder Kassetten, auf die Kinder im Herkunftsland Nachrichten für ihre Eltern in Deutschland sprachen. Ein weiteres Objekt ist ein Nagel aus der Bombe des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße – als Symbol rechten Terrors und als Erinnerung daran, dass auch diese dunklen Kapitel erzählt werden müssen.

In Köln-Kalk soll das neue Museum Selma in den kommenden Jahren entstehen.
In Köln-Kalk soll das neue Museum Selma in den kommenden Jahren entstehen.© DOMiD | Wolfgang Heep

Migrationsmuseum verbindet Menschen mit und ohne Fluchterfahrung

Laut Senel stehen diese Dinge stellvertretend für Millionen Biografien. Sie erzählen von Abschied und Ankunft, von Liebe und Freundschaft, von Rassismus und Solidarität sowie von Teilhabe und Ausgrenzung. Besucher reagierten oft tief bewegt. Viele Menschen mit Flucht- oder Einwanderungsgeschichte hätten zunächst das Gefühl, mit ihren Erfahrungen allein zu sein. „Wenn sie in diese Archive schauen und lesen, was andere erzählen, dann fließen Tränen, weil sie feststellen: Ich bin ja gar nicht alleine mit meiner Erfahrung.“

Doch auch Menschen ohne eigene Migrationserfahrung finden sich wieder, beispielsweise wenn sie Geschichten von Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Erinnerungen ihrer Eltern oder Großeltern verbinden. „Deutschland braucht ein solches Migrationsmuseum“, sagt Senel, „weil Einwanderung ein elementarer Bestandteil dieses Landes ist.“ Das Museum Selma solle „eine Brücke zwischen allen Menschen bauen, die in Deutschland leben.“

Bau des Museums in Köln-Kalk scheitert an Kostenexplosion

Damit das Museum entstehen kann, braucht es zunächst einen Standort. Ursprünglich war vorgesehen, das Museum in der ehemaligen „Halle 70“ auf dem Gelände in Köln-Kalk zu errichten. Bund und Land hatten insgesamt 44,26 Millionen Euro in ihre Haushalte eingestellt, um dieses Vorhaben zu realisieren. Aufgrund immenser Preissteigerungen und Budgetüberschreitungen wurde der Bau jedoch im Frühjahr 2026 gestoppt.

Das seit 2019 geplante Museum drohte deswegen in Köln-Kalk zu scheitern. Im März beschloss der Kölner Stadtrat deshalb zu prüfen, ob das Museum Selma in das Kulturzentrum am Neumarkt integrierbar sei. Die jetzt abgeschlossene Prüfung durch DOMiD selbst ergab jedoch, dass die Ansiedlung des Museums am Neumarkt mit „massiven Projektrisiken verbunden“ sei, „die man als Bauherrin nicht eingehen kann“, wie es in der Stellungnahme des Vereins heißt.

Köln: Verein prüft abgespecktes Konzept in Kalk

Diese Option werde man nicht weiterverfolgen, sondern man wolle „eine deutlich reduzierte Version des Museums in Köln-Kalk prüfen“, die innerhalb des vorgegebenen Kostenrahmens realisierbar sei, so Glatz. Sofern die rechtliche Prüfung positiv ausfällt, wird der Verein ein erstes konzeptionelles Modell entwickeln, das zeigt, wie sich mit den verfügbaren Mitteln ein tragfähiges Museum umsetzen lässt. „Auf dieser Grundlage treten wir an die Zuwendungsgeber von Bund und Land heran, um die Freigabe entsprechender Planungsmittel zu erwirken.“

Die Position von DOMiD bleibt dennoch eindeutig. Man will das bundesweite Migrationsmuseum retten. Auch Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) hat angekündigt, die Suche nach einer Lösung zur Chefsache zu machen. „Von Bund, Land NRW bis zur Stadt Köln gibt es parteiübergreifend ein klares politisches Bekenntnis aller demokratischen Kräfte zu unserem Museum“, so Glatz, Deshalb „begrüßen wir auch den Beschluss des Kölner Rats vom 12. Mai 2026, in der Verwaltung ein dezernatsübergreifendes Projektteam einzurichten, um die anstehenden Arbeitsschritte nach dem Abschluss der Prüfungen zu koordinieren.“

Lamya Kaddor bei der Eröffnung der Ausstellung des Bundestages an der Uni Duisburg
Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor (Grüne) unterstützt die Realisierung von Museum Selma am Standort Köln-Kalk.© FUNKE Foto Services | STEFAN AREND

Köln-Kalk: Bund unterstützt Museum Selma

Unterstützung bekommt das Museum Selma auch aus der Bundespolitik. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor findet, dass die Realisierung des Museums wichtig ist, „weil Migration die Geschichte Deutschlands und insbesondere Nordrhein-Westfalens entscheidend geprägt hat“. Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte hätten dieses Land wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich mit aufgebaut. „Diese Erfahrungen gehören deshalb sichtbar zu unserer gemeinsamen Erinnerungskultur“, sagt Kaddor dieser Redaktion.

Ein Migrationsmuseum würde Raum für Anerkennung, Austausch und gemeinsame Erinnerung schaffen. Mit Köln-Kalk habe Selma zudem einen Standort, „der in besonderer Weise für gelebte Vielfalt und Einwanderungsgeschichte steht und damit ein authentischer Ort der Begegnung ist“.