Eine hohe, glatte Glasfront zieht sich über mehrere Stockwerke nach oben. Wie in einem Schaukasten ist jede Etage und alles, was sich darin befindet, sichtbar: Treppen, Aufzüge, Lichter. Als wolle das Haus am Burgplatz in der Essener Innenstadt sagen: Hier hat niemand etwas zu verbergen. Wissen gehört nach draußen. Im Inneren laufen Menschen mit Taschen und Lernbüchern unterm Arm herum. Während sich einige über den Inhalt der kommenden Lernstunde austauschen, bereiten sich andere ganz allein darauf vor. Gleich beginnt der Berufssprachkurs der Essener Volkshochschule.

Seit Dezember besuchen 20 Teilnehmer aus mindestens zehn Ländern den durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) finanzierten Kurs. Doch nicht alle kommen an diesem Tag pünktlich an, Busse und Stadtbahnen streiken. „Sie sind sehr motiviert und man merkt, dass sie alle etwas erreichen wollen“, sagt Programmleiterin Tatjana Carvajal.

Auch interessant

Bamf stoppt Förderung: Tausende Integrationskurse auf Eis

Tatsächlich finanziert das Bamf Integrations- und Berufssprachkurse in Deutschland, die sich an Zugewanderte richten, durch Kostenerstattungssätze an die Kursträger. Doch das Amt hat im Februar die Zulassung und finanzielle Förderung freiwilliger Integrationskurse für das Haushaltsjahr 2026 bis auf Weiteres gestoppt, um finanzielle Risiken zu vermeiden. Betroffen sind deutschlandweit etwa 130.000 Personen, das sind 40 bis 55 Prozent der potenziellen Teilnehmer. Unter ihnen sind Asylbewerber, Geduldete, ukrainische Geflüchtete und EU-Bürgerinnen und Bürger, die daran freiwillig teilnehmen möchten.

Tatjana Carvajal kritisiert diesen Stopp deutlich. Dadurch würde die Arbeitsmarktintegration vieler Menschen verhindert, die etwas machen wollen. „Die Integrationskurse und die Berufssprachkurse sind unheimlich wichtig für die Integration. Die Sprache ist eine Schlüsselqualifikation, damit die Teilnehmer sich schnellstmöglich in den Arbeitsmarkt integrieren können“, sagt sie.

Lesen Sie auch

Palästinenser: Sprachkurse eröffnen neue Chancen in Deutschland

Im Klassenraum sitzt Thaer Samara aus Palästina. Er hält sein Heft fest in der Hand, als könnte es ihm sonst wegrutschen. Seit eineinhalb Jahren ist er in Deutschland. Zunächst besuchte er den Integrationskurs, jetzt den Kurs B2 für den Beruf – eine klassische Bildungsbiografie im Schnelldurchlauf. „Dieser Integrationskurs war sehr wichtig für mich, weil ich dort Deutsch gelernt und auch etwas über das Leben und die Kultur in Deutschland erfahren habe“, sagt der Palästinenser.

Seine Worte klingen etwas holprig, aber jedes einzelne ist hart erarbeitet. Vor dem Krieg in Gaza hat er Betriebswirtschaftslehre studiert und einen Bachelor in Banking und Finance erworben. Hier hofft er, einmal wieder in seinem Fach arbeiten zu können. „Deshalb besuche ich die Sprachkurse.“ Ohne die Sprachkurse sei es für ihn jedoch schwierig.

Als ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht, wie ich mich mit den Deutschen unterhalten kann. Der Kurs bietet mir deshalb mehr als nur Sprachunterricht.

Yasmin Tu Nhi Lipinski, Teilnehmerin aus London

Sprachkurs erleichtert Integration und fördert Freundschaften

Ein paar Stühle weiter sitzt Yasmin Tu Nhi Lipinski. Sie ist in London geboren, mit einem Deutschen verheiratet und lebt seit einem Jahr in Deutschland. Ihr Deutsch ist flüssig, nur gelegentlich stolpert sie über einen Artikel. „Ich habe früher kein Deutsch gelernt.“ Als sie nach Deutschland kam, habe sie nicht gewusst, wie sie sich mit Deutschen unterhalten könne. „Der Kurs bietet mir mehr als nur Sprachunterricht.“

Neben Grammatik gebe es Hilfe beim Papierkram, beim Formulardeutsch und bei der Ausländerbehörde. „Wir bekommen so viel Unterstützung von den Lehrern und haben die Möglichkeit, neue Freunde kennenzulernen. Menschen in derselben Situation wie ich, das erleichtert es.“

Zugewanderte, die Deutsch lernen, finden schneller Arbeit – und zwar in Berufen, in denen dringend Personal gesucht wird. Das ist keine Sozialleistung, das ist Arbeitsmarktpolitik.

Nikolaos Georgakis, Sprecher der Essener Volkshochschule

VHS Essen: Mehr Integrationskurse zur Arbeitsmarktintegration

Allein die VHS Essen bietet derzeit sieben allgemeine Integrationskurse, fünf Integrationskurse mit Alphabetisierung und vier Berufssprachkurse an. „Zwei weitere allgemeine Integrationskurse sind für April geplant. Hier versuchen wir derzeit, die noch fehlenden Teilnehmerplätze durch Selbstzahler zu besetzen“, so Nikolaos Georgakis, Sprecher der Essener Einrichtung.

Von dem Finanzierungsstopp sind bei der Volkshochschule in Essen allerdings noch keine Kurse betroffen; sie bietet weiterhin Deutschkurse an, die allen Interessierten offenstehen. „Die dafür zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen sind damit ausgeschöpft“, so Georgakis.

Hattingen - ADHS bei Erwachsenen
Für Nikolaos Georgakis von der VHS in Essen ist der Deutschkurs ein wichtiger Schritt für die Integration. © FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

Die VHS Essen fordert deshalb, dass ausreichend Zulassungen zum Integrationskurs vergeben werden. „Zugewanderte, die Deutsch lernen, finden schneller Arbeit – und zwar in Berufen, in denen dringend Personal gesucht wird. Das ist keine Sozialleistung, das ist Arbeitsmarktpolitik.“ Oftmals übten Menschen mit geringen Deutschkenntnissen zunächst gering entlohnte Jobs aus, beispielsweise als Hilfskraft in der Pflege oder im Handwerk. Deutschkurse könnten sie mit ihrem Gehalt nicht selbst finanzieren. „Die anteilige Kostenübernahme durch das Bamf hat diese Personengruppe befähigt, rasch in qualifizierte Beschäftigung zu wechseln. Diesen Weg jetzt zu versperren, wäre ein Fehler.“

Währenddessen sitzen Yasmin und Thaer weiterhin im selben Klassenraum – mit zwei unterschiedlichen Geschichten. Er ist vor dem Krieg geflohen. Sie ist der Liebe gefolgt und aus einem europäischen Land gekommen. Die beiden aber verbindet die neue Sprache, die sie erlernen wollen. Ein Schlüssel zum möglichen Erfolg in einem fremden Land.