Es sah zunächst aus wie ein Ritterschlag. Bei der Vorstellung seines 20-Punkte-Plans für den Gazastreifen im September pries US-Präsident Donald Trump den britischen Ex-Premier Tony Blair als „sehr guten Mann“. Der 72-Jährige solle Mitglied im „Friedensrat“ für den Küstenstreifen werden – einem über der Tagespolitik schwebendem Koordinationsgremium, das Trump höchstselbst leiten will. Blair sagte sofort zu und zahlte dem US-Präsidenten in der Währung zurück, die er mit am liebsten hat: mit Schmeicheleien. Trumps Papier sei „kühn und intelligent“, lobte der Brite.

Es war die Zeit, als der Chef des Weißen Hauses auf der ganzen Welt für seinen Gaza-Entwurf gerühmt wurde – nicht nur in Europa und in arabischen Staaten, sondern auch in Moskau und Peking. Widerspruch gegen die prominente Empfehlung gab es zunächst nicht. Zumal Blair über reichhaltige Erfahrung in der politisch höchst komplizierten Region verfügt.

Mehr von Israel-Korrespondentin Maria Sterkl

Kritik an Blair: Palästinenser und arabische Staaten lehnen Vermittlung ab

Nach seinem Rücktritt als britischer Regierungschef 2007 war er acht Jahre lang Sondergesandter für das Nahost-Quartett USA, EU, UN und Russland. Die Vermittlungsmission im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern blieb jedoch ohne Erfolg. „Er hat nichts für die Anliegen der Palästinenser getan, sondern wurde von Israel benutzt, um die Besatzungs- und Siedlungspolitik zu rechtfertigen“, rügte der palästinensische Unterhändler Mohammad Shtayyeh seinerzeit. Zudem wurde Blair vorgeworfen, seine diplomatische Nahost-Mission mit privaten Geschäftsinteressen zu vermischen.

Bereits Ende August hatte sich Trump mit Blair und Jared Kushner, seinem Schwiegersohn und ehemaligen Nahost-Gesandten in Washington getroffen. Thema: der Gaza-Krieg und die Zukunft der Palästinenserenklave. Doch hinter den Kulissen baute sich Widerstand gegen Blair auf. Mehrere arabische und muslimische Staaten hätten Einwände gegen dessen geplante Tätigkeit im „Friedensrat“ für Gaza erhoben, meldete die „Financial Times“.

Als Grund wurde Blairs Beteiligung am Irak-Krieg 2003 genannt. Der damalige britische Premierminister war der wichtigste Verbündete von US-Präsident George W. Bush. Blair hatte sich dem Amerikaner so sehr angedient, dass er von Kritikern als „Bushs Pudel“ bezeichnet wurde. Massenvernichtungswaffen – aus Sicht Washingtons das zentrale Motiv für den Sturz des irakischen Machthabers Saddam Hussein – wurden allerdings nie gefunden.

Ukraine-Beratungen in Berlin
Steve Witkoff (r) und Jared Kushner in Berlin: Die außenpolitische Speerspitze des US-Präsidenten.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Blairs Institut plant umstrittenen Wiederaufbau für Gaza

Doch nicht nur der Irak-Krieg brachte Blair in arabischen Ländern den Ruf ein, eine pro-israelische und anti-palästinensische Neigung zu haben. Auch die Aktivitäten der 2015 von ihm gegründeten Beratungsorganisation Tony Blair Institute for Global Change (TBI) sorgten für Missfallen. Nach einem Bericht der „Financial Times“ bastelten Mitarbeiter des TBI im Juli gemeinsam mit israelischen Geschäftsleuten an der Entwicklung eines Nachkriegs-Wiederaufbauplans für den Gazastreifen. Die US-Beratungsfirma Boston Consulting Group habe Finanzierungsmodelle beigesteuert, hieß es.

Demnach war auch im Gespräch, eine halbe Million Palästinenser dafür zu bezahlen, dass sie den Gazastreifen verlassen. Der Plan beinhaltete eine „Trump-Riviera“ und ein Gewerbegebiet, das nach dem Tech-Tycoon Elon Musk benannt werden sollte. Im Februar hatte Trump ein KI-generiertes Video gepostet, das die im Krieg weitgehend zerstörte Küstenenklave mit Wolkenkratzern und Luxusjachten zeigte. Ein Glitzer-Paradies nach Dubai-Art, das weltweit Empörung auslöste.

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Angelegt ist das TBI als Non-Profit-Organisation. Es finanziert sich aus Spenden von Unternehmen, Privatpersonen und Staaten. Larry Ellison, Gründer des Softwareriesen Oracle und enger Vertrauter Trumps, gilt als größter Förderer. 2024 erzielte das Institut nach eigenen Angaben einen Umsatz von 160 Millionen Dollar.

Blair verliert Ansehen im Nahen Osten – Trump plant mit neuer Rolle

Blairs Metamorphose vom Star der Sozialdemokratie neuen Typs zum Gehilfen von Rechtsaußen-Präsidenten wie dem neokonservativen Bush und dem autokratisch regierenden Trump ist erstaunlich und für manche verstörend. In seiner Zeit als Premier von 1997 bis 2007 hatte er die Labour Party weg von Klassenkampf-Rhetorik hin zu einem Kurs der Mitte getrimmt, der Marktwirtschaft mit sozialpolitischen Maßnahmen wie der Einführung eines Mindestlohns versöhnte. Eine politisch wohltemperierte Balance, mit der Blair drei Wahlsiege einfuhr.

Aktuelle News aus dem Nahen Osten

In den arabischen Ländern gilt Blair heute nicht mehr als Mann des Ausgleichs, sondern als Akteur, der polarisiert. Laut „Financial Times“ sollen nun im „Friedensrat“ nur aktive Staats- und Regierungschefs sitzen. Möglicherweise ist das ein Zugeständnis Trumps an die Regierungen in Nahost, die Vorbehalte gegen den früheren britischen Premier haben. Das Weiße Haus scheint allerdings weiter mit Blair zu planen. Dieser solle in einem kleineren Verwaltungsgremium unterhalb des „Friedensrates“ wirken – zusammen mit Jared Kushner und Trumps diplomatischer Allzweckwaffe Steve Witkoff, schreibt die britische Zeitung.

Experten glauben dennoch, dass Blair in der diffizilen Gemengelage in Nahost eine konstruktive Rolle spielen könnte. „Er spricht die Sprache der westlichen Hauptstädte und der Geldgeber am Golf, versteht die Funktionsweise internationaler Finanzierungsmechanismen und kann mit Israel ohne ideologische Konfrontation zusammenarbeiten“, sagte der Nahostanalyst Reza Parchizadeh aus Washington unserer Redaktion. „In diesem Sinne wird Blair als technokratische Brücke gesehen – als jemand, der vage politische Absichten in operative Planung umsetzen kann, anstatt im traditionellen Sinne über Frieden zu verhandeln.“ Blair wäre dann nicht der Mann für das Rampenlicht, sondern einer, der hinter den Kulissen arbeitet.