Die Straftaten gegen Juden in Nordrhein-Westfalen haben im vergangenen Jahr zugenommen, und die Antisemitismusbeauftragte des Landes, Sylvia Löhrmann (Grüne), warnt mit drastischen Worten vor dieser Entwicklung: „Antisemitismus hat in Deutschland und in NRW eine alltagsprägende Dimension erreicht“, sagte sie am Montag bei der Vorstellung ihres neuen Jahresberichts. „Das ist ein unerträglicher, ein alarmierender Zustand.“
Laut Verfassungsschutzbericht wurden im Jahr 2025 rund 790 antisemitische Straftaten registriert– 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Schnitt sind das mehr als zwei Taten am Tag in NRW. Eine andere Statistik- die der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) NRW - dokumentierte vor Kurzem mit 1102 antisemitischen Vorfällen einen neuen Höchststand für das Jahr 2025. Im Vorjahr seien es 940 gewesen. In die Rias-Zählung fließen auch Fälle ein, die in der polizeilichen Statistik nicht auftauchen.
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Die Landesbeauftragte Sylvia Löhrmann nannte Beispiele: „Da werden Häuser beschmiert, Fensterscheiben eingeschlagen, Taxifahrer verweigern Jüdinnen und Juden den Transport. Kinder sagen nicht, dass sie Besuch von Freunden aus Israel bekommen, sondern aus England. Sie sagen nicht die Wahrheit, um nicht angemacht zu werden.“
„Wir dürfen das nicht als Normalität akzeptieren. Wir sind an einer entscheidenden Schlüsselstelle“
Sylvia Löhrmann (Grüne), NRW-Antisemitismusbeauftragte
Auf gepackten Koffern
Gleichzeitig würden viele Jüdinnen und Juden an Rhein und Ruhr von einem Rückgang der Solidarität und der Anteilnahme mit ihnen durch die Mehrheitsgesellschaft sprechen. Die gepackten Koffer seien „realer“ geworden. „Viele Jüdinnen und Juden sagen heute: Die Großeltern hatten wohl doch recht, als sie vor einem Leben in Deutschland warnten“, so Löhrmann. Nordrhein-Westfalen sei beim Thema Judenfeindlichkeit an einer entscheidenden Schlüsselstelle angekommen: „Es geht um unsere Demokratie, wenn eine Minderheit derart mit Hass überzogen wird.“
Antisemitismus komme vor allem von rechts, aber auch Linksextremisten neigten zunehmend dazu. „In einigen linken Kreisen wird der Hamas-Terror als Befreiung gesehen. Sie tun so, als wären Vergewaltigungen, Brandsätze, Morde Teil einer Befreiung. Dafür fehlt mir jedes Verständnis“, sagte die frühere NRW-Schulministerin Löhrmann. In ihrem Bericht geht es aber auch um islamistisch motivierten Antisemitismus.
Es gebe eine Tendenz, zu behaupten, dass die eine Form von Antisemitismus - die von rechts, von links, von Islamisten, von einigen Migranten - schlimmer sei als eine andere. „Dieser Versuch, eine Art Antisemitismus-Ranking zu beschreiben, trägt nicht zur Lösung bei, sondern ist Teil des Problems“, betonte Löhrmann. „Wir kämpfen gegen jede Form des Antisemitismus.“
Antisemitismus beginnt in der Grundschule
Bereits in den Grundschulen beginne heute mit Beleidigungen wie „Du Jude“ die „aggressive Ausgrenzung“ von jüdischen Kindern durch Gleichaltrige.
Meldestellen gegen Rassismus in NRW
Die vier NRW-Meldestellen für Rassismus und Queerfeindlichkeit haben in dieser Woche ihre ersten Jahresberichte veröffentlicht. Sie verzeichnen demnach insgesamt 571 Vorfälle für das Jahr 2025. Die Berichte dokumentieren Diskriminierungserfahrungen, die an unterschiedlichen Orten, zum Beispiel in der Öffentlichkeit, im Internet, am Arbeitsplatz, in Schulen und Bildungseinrichtungen oder in Ämtern und Behörden gemacht wurden. Frauen seien überproportional häufig betroffen. Sie stellten bei allen vier Meldestellen die größte Gruppe der Betroffenen.
Die vier Die Meldestellen folgen dem Vorbild der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus NRW (Rias) die seit Jahren antisemitische Vorfälle dokumentiert und damit das Dunkelfeld aufhellt.
Positiv bewertet die Landesbeauftragte unter anderem zwei Verschärfungen des Strafrechts: So sei das Verbrennen von Fahnen generell verboten worden. Und im Fall von Sachbeschädigungen müsse geprüft werden, ob dahinter ein antisemitisches Motiv steht. Die gemeinsame Empfehlung der deutschen Bildungsminister, das Thema Antisemitismus in die Lehrkräfte-Ausbildung zu integrieren, stoße in NRW auf breite Zustimmung.
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Ruf nach null Toleranz gegenüber Antisemiten
In der Landespolitik löste der Bericht teilweise Bestürzung aus. „Die Befunde müssen uns mit großer Sorge erfüllen“, sagte Hartmut Ganzke für die SPD-Landtagsfraktion. „Wenn die Zahl antisemitischer Straftaten innerhalb eines Jahres um 13 Prozent steigt, müssen wir als Gesellschaft alle alarmiert sein. Mit Hass auf Jüdinnen und Juden und Angriffe auf unser freies Leben dürfen wir uns niemals abfinden.“ Umso wichtiger ist es, dass die Landesregierung ihre Null-Toleranz-Strategie gegen Kriminalität auch und besonders auf diesem Feld zur Geltung bringe.
Dirk Wedel (FDP) sprach von einem „massiven Alarmsignal“. Der Judenhass breite sich weiter aus. „Hinter jeder Statistik stehen Menschen, die bedroht, beleidigt oder angegriffen werden. Das ist ein Angriff auf unsere freiheitliche Demokratie“, so Wedel.






