Der Herr Direktor mag es gerne lustig, Pointen sind sein Ding. „Die Begegnung der Rolling Stones mit Gottes Hand“, sagt er zu einem Bild von Monja Milzner. Und zu großformatigen Bildern von Oliver Haussmann: „Dalí im Videozeitalter“. Nun, weder die Rolling Stones noch Dalí sind im Museum Kurhaus Kleve zu sehen, und sollte Gott mal seine segnende Hand auf die niederrheinische Hochkultur legen, wäre das auch nicht für jedermann sofort sichtbar, leider. Treffend sind die Kommentare von Harald Kunde aber irgendwie schon. Und sie zeigen, was passiert, wenn Kunststudenten ihre Werke im Museum ausstellen. Ehrfürchtig nähert man sich ihnen nicht, eher schaut man, von wem ihre Schöpfer sich inspirieren lassen, wen sie nachahmen, wohin sie vielleicht mal wollen. Ihre Werke verhalten sich auf dem Kunstmarkt wie Aktien von Start-Ups an der Börse, man weiß nicht, was Erfolg haben wird und was zum Untergang verdammt ist.

Die jungen Künstler stehen zwischen dem Gestern, der ganzen großen Kunstgeschichte, und dem Morgen, ihrer künstlerischen Zukunft, so sie eine haben. „Zwischen Gestern und Morgen“ heißt die Ausstellung in Kleve deshalb. Sie zeigt Werke von 17 Studentinnen und Studenten der Künstlerin Pia Fries. Sie unterrichtet an der Akademie der Bildenden Künste München, bald geht sie in den Ruhestand, dies ist gewissermaßen ihr Abschlussprojekt. Die jungen Frauen und Männer haben sich intensiv mit dem Klever Museum beschäftigt. Sie haben sich über die Geschichte des Kurbades, das Gebäude und die Bilder der Sammlung informiert, haben das, was sie interessiert, herausgegriffen und in ihren eigenen Stil transponiert.

Fast wie eine Schnitzeljagd

Man kennt ähnliche Projekte etwa vom ArToll-Kunstlabor auf dem Klinikgelände im benachbarten Bedburg-Hau. Wie oft hat sich da der künstlerische Nachwuchs mit der Klinik und ihrer Geschichte auseinandergesetzt, und wie unterschiedlich waren die Ergebnisse! Ähnlich ist es hier, nur dass der Gegenstand der Auseinandersetzung die Kunst selber ist. Und der Ort der Präsentation ein Museum – was einen gewaltigen Unterschied macht. Es sind halt heilige Hallen, und wenn auch außen nicht „Dem Wahren, Schönen und Guten“ aufgepinselt ist, so haben die Säle doch etwas Sakrales, mit dem Direktor als Hohepriester, den Schal wie eine Stola um den Hals gelegt, und den Wächtern als Messdienern. Die Wandlung, um im Bild zu bleiben, vollzieht sich am Ausgestellten, das vom bloßen Material zum Kunstobjekt wird.

In der Ausstellung „Zwischen Gestern und Morgen" der Klasse Pia Fries im Museum Kurhaus Kleve ist u.a. die Skulptur des Künstlers Aron Herdrich zu sehen. Hinter den Flügeltüren hängt eine großformatige Arbeit von Monja Milzner.
In der Ausstellung „Zwischen Gestern und Morgen" der Klasse Pia Fries im Museum Kurhaus Kleve ist u.a. die Skulptur des Künstlers Aron Herdrich zu sehen. Hinter den Flügeltüren hängt eine großformatige Arbeit von Monja Milzner.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Es gibt in der sehenswerten Ausstellung ein Projekt, das den künstlerischen Zwischenstatus ganz gut illustriert. Sharon Wagner hat ihr Atelier in eine Ecke des Museums verfrachtet, ein Bildgewirr mitsamt zugekleckstem Stuhl. Das ist wie ein Schrei: Was soll das alles? Was mache ich da? Und wofür eigentlich? Weil das Museum Kurhaus moderne Kunst ebenso zeigt wie mittelalterliche, weil hier das 19. Jahrhundert überlebt hat und das Atelier von Joseph Beuys, gab es für die Studentinnen und Studenten natürlich viele Anknüpfungspunkte. Die Suche danach gleicht manchmal einer Schnitzeljagd, was recht unterhaltsam ist. Im Katalog sind die Bezugspunkte detailliert aufgeschlüsselt. Sogar außer Haus, im Park, ist eine Skulptur von Theresa Hecker aufgestellt, was dann auch eine Menge Assoziationen wecken mag.

Tierfiguren und Keramikwürste

„Sie sollten das Juwel Museum wahrnehmen“, beschreibt Pia Fries die Aufgabe, die sie ihren Studenten gegeben hat. „Wir können Freiräume schaffen“, sagt Direktor Harald Kunde. Die Freiräume sind nun gewissermaßen zugehängt und zugestellt mit individualistischen Gegenwartspositionen. Das kann überraschend lebendig sein wie die Tierfiguren von Marjan Baniasadi oder als ironisches Statement daherkommen wie die Keramikwürste von Anna Hölzl, die sich in und außerhalb von Glasvitrinen erstrecken.

Von Sharon Wagner ist übrigens noch ein zweites Werk. Es ist eine Kunstmappe, an die Wand gelehnt. „Bitte so rum stellen, sonst fällt alles raus“, steht darauf. „Danke, Sharon.“

>>> Zu Besuch im Museum Kurhaus Kleve

Jeden Sonntag finden zwischen 11.30 und 12.30 Uhr öffentliche Führungen durch die Ausstellung „Zwischen Gestern und Morgen“. Zur Finissage am Sonntag, 29. Januar, führt Kuratorin Valentina Vlašić um 14.30 Uhr mit mehreren Künstlerinnen und Künstlern der „Klasse Pia Fries“ durch die Ausstellung.

Das Museum Kurhaus Kleve hat dienstags bis sonntags zwischen 11 und 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene zehn Euro, ermäßigt fünf Euro. Weitere Informationen sind im Internet zu finden unter www.museumkurhaus.de