Wallfahrt am Niederrhein

Die wundersame Geschichte der Salvator-Statue aus Duisburg

Salvator mundi, „Erlöser der Welt“: Holzstatue in der Kirche Sankt Pankratius in Nievenheim ei Dormagen. Früher stand das Kunstwerk in der Salvatorkirche in Duisburg – bis zur Reformation.

Foto: Marc Albers

Salvator mundi, „Erlöser der Welt“: Holzstatue in der Kirche Sankt Pankratius in Nievenheim ei Dormagen. Früher stand das Kunstwerk in der Salvatorkirche in Duisburg – bis zur Reformation. Foto: Marc Albers

Duisburg/Dormagen.   Einmal im Jahr wird Nievenheim zum Wallfahrtsort. Die Pilger kommen zum „Erlöser der Welt“. Den Anfang machte einst ein Gläubiger auf dem Irrweg.

Man weiß heute nicht mehr genau, wie es sich damals wirklich zugetragen hat, doch die Legende zu dieser durch und durch wundersamen Geschichte ist seit nunmehr 462 Jahren überliefert.

Direkt hinter dem Eingang zur schon äußerlich imposanten Dorfkirche in Nievenheim hängt ein verblasstes Schriftstück in einem vergoldeten Rahmen an der Wand. Darauf ist nachzulesen, wie die wundertätige Salvatorfigur einst aus Duisburg aufs platte Land, man darf ruhig schreiben, gerettet wurde.

Die Salvator-Statue bei der Großen Viktortracht

Die Holzstatue, um die sich in dem 9000-Seelen-Ort kurz hinter Neuss so ziemlich alles dreht, stand vor mehr als einem halben Jahrtausend in der Salvatorkirche in Duisburg, die damals noch die Stadtkirche der katholischen Gläubigen war.

Hier befand sich eine mit Ölfarbe bemalte Holzfigur des Salvator mundi, sprich von Jesus Christus, dargestellt als Heiland der Welt. Er ist in halber Lebensgröße dargestellt, in der Linken hält er die Weltkugel, die Rechte ist segnend erhoben, mit gutem Faltenwurf, aber mit auffällig großen Gliedmaßen, schwärmen Experten über das Schnitzwerk eines unbekannten Meisters aus der Frühgotik.

Die Figur muss schon damals etwas ganz Besonderes gewesen sein. Denn sie wurde auch bei der Großen Viktortracht in Xanten mitgetragen. Also bei jener noch immer eindrucksvollen Prozession, die nur alle paar Jahrzehnte stattfindet und bei der der Reliquienschrein des heiligen Viktor aus dem Dom zur Kapelle auf dem Fürstenberg und wieder zurückgebracht wird.

Köln in Sicht, die Statue im Sack

Anno 1464, als der Herzog Johann von Cleve und dessen Söhne in königlicher Kleidung diesen Schrein trugen und 300 000 Menschen am Wegesrand standen, soll sich ein erstes Wunder zugetragen haben. „Ein vom bösen Geist lange Zeit Besessener“ sei durch den bloßen Anblick des Salvator mundi von seinem teuflischen Leiden befreit worden, erzählt man.

Wegen dieses Wunders strömten fortan unzählige Pilger nach Duisburg: in die Salvatorkirche zur hölzernen Christusfigur.

Alljährlicher Höhepunkt war das Salvatorfest am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitsfest (Sonntag nach Pfingsten). Seit 1463 wurde die Salvator-Statue auch in Duisburg in einer Prozession durch die Straßen der Stadt getragen.

Man muss es einmal betonen: Der Salvator von Duisburg galt in jener Zeit, neben dem „Wundertätigen Kreuz“ von Kranenburg, als das am häufigsten besuchte Gnadenbildnis am Niederrhein.

Götzendienst und Reformation

Diese Verehrung fand mit der Reformation vor rund 500 Jahren, zumindest in Duisburg, ein „unwürdiges Ende“, ist in einem Heftchen über die Geschichte der Pfarrkirche Sankt Pankratius in Nievenheim zu lesen.

1543 beschloss der Duisburger Stadtrat, vom clevischen Landesherrn wohlwollend beäugt, die offizielle Abkehr vom katholischen Glauben. Ein Jahr danach trat in der Marienkirche der erste lutherische Prediger auf. Am 11. Februar 1555 wurde angeordnet, die Figur aus der Salvatorkirche zu entfernen. Sie sollte nicht mehr „Ziel eines schändlichen Götzendienstes“ sein.

Der Salvator mundi von Duisburg landete daraufhin im Koelhauss: in der Rumpelkammer. Wer nun einige Jahre später, und unter welchen Umständen, die Figur aus der Rumpelkammer herausholte, ist aus heutiger Sicht nicht klar. Im Jahre 1556 soll ein dem katholischen Glauben treu gebliebener Bauer aus Duisburg das Gnadenbild heimlich an sich genommen haben. Er wollte es, versteckt in einem Sack, nach Köln bringen.

Auf dem Irrweg bei Uedesheim

Tja, über den Rhein schaffte er es. Doch in der damals noch waldreichen Gegend hinter Uedesheim verirrte er sich, kam mehrmals vom Wege ab – und sah dabei immer und immer wieder die kleine Dorfkirche von Nievenheim.

Nach seinem dritten Irrversuch wertete er dies als Wink Gottes – und übergab die Statue dem Pastor von Nievenheim.

Hier steht der Salvator mundi aus Duisburg noch heute, nicht mehr in der achteckigen Kapelle, sondern hinter dem Altar im großen Gotteshaus direkt daneben.

Die Dorfkirche, deren Patron der heilige Pankratius ist, ist längst wieder ein Wallfahrtsort.

Einmal im Jahr steht Nievenheim, offiziell ein Stadtteil von Dormagen, ganz im Zeichen der Salvator-Oktav. Immer ab dem Mittwoch vor Fronleichnam, also seit gestern, pilgern Menschen zehn Tage lang zum Gnadenbild des Welterlösers.

Auch, weil man sich hier noch immer erzählt: Von dieser Statue, so haben es Priester unter Eid bezeugt, sind Wunder ausgegangen.

>> INFO: Die Wallfahrt nach Nievenheim

Pilgern: Gestern begann die Wallfahrt zum Gnadenbild des Salvators in Nievenheim. Sie endet am Sonntag, 10. Juni, um 9.30 Uhr mit einem Gottesdienst und einem Pfarrfest.

Anfahrt: Mit dem Auto über die A57 in Richtung Köln, Ausfahrt Dormagen, dann den Schildern nach Nievenheim folgen. Fürs Navi: Sankt Pankratius, Conrad-Schlaun-Straße 5, 41542 Dormagen.

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