Buchtipps

Eva Karnofsky stellt vier Bücher aus den Niederlanden vor

Ein Paradies für Buchliebhaber. Foto:plainpicture/Rudi Sebastian

Ein Paradies für Buchliebhaber. Foto:plainpicture/Rudi Sebastian

Am Niederrhein.   Von humorvoller Tragödie bis hin zum kitschfreien Liebesroman – unsere niederländischen Nachbarn können Literatur, erklärt die Expertin.

Statt nur zum Kaffee- und Blumenkaufen über die Grenze zu fahren, lohnt sich immer auch ein Blick in die niederländischen Buchhandlungen. Der Meinung ist zumindest Eva Karnofsky, die sich quer durch die neuste Literatur gelesen hat und hier ihre Lieblingsbücher vorstellt.

Humorvolle Tragödie

Hardys Leben droht aus den Fugen zu geraten, denn seine geliebte Frau leidet an Demenz und seine Beziehung zur einzigen Tochter ist nicht sonderlich herzlich. Nur zur Enkelin hat er ein inniges Verhältnis. Und natürlich zu Cok und George, mit denen er in den 50er Jahren Erfolge feierte. Mit Hawaii-Musik. Sie waren die Honolulu Kings. In Hardys indonesischem Schnellimbiss träumen die alten Herren davon, die Steelband wieder zum Leben zu erwecken. Sie sind nach Indonesiens Unabhängigkeit von den Niederlanden 1949 nach Haarlem gekommen und ihre Musik verhalf den drei indonesisch-niederländischen Einwanderern damals zu Anerkennung.

Mit Hardys Ruhe ist es gänzlich vorbei, als gegenüber von seinem Lokal ein japanisches Sushi-Restaurant aufmacht. Da kommen sie wieder hoch, die quälenden Erinnerungen an die japanische Besatzung während des Zweiten Weltkrieges, an den Tod der Eltern, an die Demütigungen im Internierungslager. Doch Hardy hat sich gerächt damals. Vor seiner Freimaurerloge legt der Achtzigjährige mit der Vorliebe für bunte Hawaiihemden ein erschütterndes Geständnis ab. Was hat er getan? Wird man ihn dafür zur Rechenschaft ziehen? Der Leser wartet mit Spannung auf Antworten.

Anne-Gine Goemans´ Roman „Honolulu King“ lebt obendrein von der glaubhaften Zeichnung der Figuren: Man sieht sie vor sich, die Honolulo Kings, wie sie im Schnellimbiss hocken und schwatzen. Der Autorin gelingt es, auch die kleinen, alltäglichen Dinge lebhaft zu schildern: Hardys Verzweiflung, wenn seine Frau ihn nicht erkennt, seine Freude, wenn die Enkelin mit ihm kocht. Einen weiteren Reiz des Buches machen die bewegenden Szenen aus der Zeit der japanischen Besetzung Indonesiens und dem darauf folgenden Unabhängigkeitskrieg aus, denn Goemans versteht es, die historischen Fakten mit Hardys Familiengeschichte zu verknüpfen. Und trotz aller Tragik vergisst sie nie ein Quäntchen Humor.

Abenteuerliche Biografie

Liebhaber von historischen Biografien werden Jan Jacobs Mulders „Joseph. Der schwarze Mozart“ verschlingen. Zumal das Buch als spannender Abenteuerroman daherkommt. Mulder erzählt darin die Geschichte des 1745 auf der Antilleninsel Guadeloupe geborenen, begnadeten Geigers und Komponisten Joseph Boulogne. Den Titel Chevalier de Saint-Georges hat Boulogne von seinem französischen Vater geerbt, die dunkle Hautfarbe von seiner senegalesischen Mutter, die mit einem Sklavenschiff nach Guadeloupe verschleppt und von Josephs Vater freigekauft worden war. Das grausame Schicksal der Mutter wird den Sohn zeitlebens verfolgen.

Der Leser trifft Joseph auf dem Sterbebett. Nach der französischen Revolution hat er auf Saint Domingue einen Sklavenaufstand angeführt, wurde verletzt, zog sich eine Blutvergiftung zu und sieht nun, wieder in Paris, seinem Tod entgegen - Anlass, um Bilanz zu ziehen. Mulder lässt Joseph in der Ich-Form von seinem bewegten Leben erzählen und nebenbei ein Sittenbild des Frankreichs der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeichnen. Boulogne war wohlhabend und von Adel, ein bei Hofe gefeierter Geiger, Dirigent und Komponist, obendrein einer der erfolgreichsten Fechter seiner Zeit und bei den Damen beliebt, dennoch gehörte er als Mulatte nie wirklich dazu. Er war Konzertmeister Haydns bei der Aufführung von dessen Pariser Sinfonien und ein Freund von Gluck, doch während deren Musik überlebte, verschwanden Boulognes nicht wohl weniger kunstvolle Kompositionen schnell in der Versenkung, als der sich nach der Französischen Revolution in die Karibik aufmachte, um seinen schwarzen Brüdern im Kampf gegen ihre Unterdrücker beizustehen. Einst von ganz Paris umschwärmt, stirbt der schwarze Mozart einsam und verarmt.

Kitschfreier Liebesroman

„Du wusstest es doch“ ist ein Roman über das Überleben. Und das gleich in doppeltem Sinne. Frans, ein junger, empfindsamer Dichter und die selbstbewusste, lebhafte Henriëtje haben 1943 die von den Nazis besetzten Niederlande verlassen, weil sie als Juden um ihr Leben fürchten mussten. Frans lässt eine Frau und zwei Kinder zurück. Exil – das klingt so einfach, ist es aber nicht. Man ist allein, in einer fremden Umgebung und seiner Träume beraubt, auf sich selbst zurückgeworfen, was es psychisch zu bewältigen gilt. Somit ist der bereits 1948 erstmals veröffentliche Roman von Josepha Mendels höchst aktuell.

Frans war nach London gekommen in der Hoffnung, als Soldat gegen Hitler in den Krieg zu ziehen. Als daraus nichts wird, weil die niederländischen Exilorganisationen andere Pläne haben, bringt ihn das zunächst ziemlich aus dem Gleichgewicht. Bis er auf Henriëtje trifft, die für die Exilregierung arbeitet. Sehr wohl wissend, dass es nur eine Liebe auf Zeit sein wird, beginnen die beiden eine stürmische, sehr innige Beziehung, die ihnen hilft, das Exil unbeschadet zu überleben.

Die bereits 1995 verstorbene Journalistin und Schriftstellerin Josepha Mendels hat selbst in London im Exil gelebt und in „Du wusstest es doch“ eigene Erfahrungen verarbeitet. Auch sie selbst war wie ihre Protagonistin Henriëtje stets die unabhängige Frau, die nicht viel auf Konventionen gibt und ein selbstbestimmtes Leben führt. „Du wusstest es doch“ kann man aus vier Gründen lesen: Weil man luftig-leicht geschriebene, kitschfreie Liebesgeschichten mag, etwas für Romane über emanzipierte Frauen übrig hat, an der Gemütslage von Emigranten interessiert ist oder weil man eine dunkle Zeit in Europa besser verstehen will.

Nachdenkliche Erzählungen

Mit Erzählbänden ist das immer so eine Sache: Oft schwankt die literarische Qualität der einzelnen Geschichten oder es sind zu viele darunter, die thematisch nicht ansprechen. „Jedes Ding an seinem Platz“ fällt zumindest nicht unter die erste Kategorie, denn von der ersten bis zur letzten ihrer neun Kurzgeschichten hat Anneloes Timmerije gut konstruiert und flüssig geschrieben. Vor allem aber hat sie gut beobachtet, mit einem sezierenden Blick fürs Detail. Und was die Themen angeht – sie sind allesamt dem Alltag abgeschaut, obwohl sich die Autorin fast immer kleine, vorsichtig fantastische Abweichungen von der Realität erlaubt, mit dem Ziel, deren Absurditäten herauszustreichen.

Der Besuch der letzten Buchhandlung der Niederlande beispielsweise nimmt sich der wachsenden Digitalisierung an und katapultiert den Leser in eine nahe Zukunft, in der keine neuen Bücher mehr gedruckt werden und der Laden von Jan Berend zu einem Museum wird: „Nur schauen, nicht berühren. Ankaufsrecht: ein Buch je Kunde und Woche.“ Der Preis pro Buch liegt bei 300 Euro und Jan Berend verdient genug, um seine sechs Ex-Frauen zu alimentieren. Man spürt, die Autorin schreibt ihr Plädoyer für das gedruckte Buch mit einem Augenzwinkern. Besonders beeindruckend ist auch die in der Ich-Form geschriebene Geschichte einer Frau, der die Ärzte mitteilen, dass sie nur noch eine Woche zu leben hat, mit Chemo vielleicht drei.

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