Integration

Wenn Deutsche und Flüchtlinge gemeinsam Musik machen

Orchesterleiter Thomas Ruffmann (hinten) mit Ameer Khammoo, Alaa Mahdi und Beate Wather vom Klever Freundschaftsorchester.

Foto: Thorsten Lindekamp

Orchesterleiter Thomas Ruffmann (hinten) mit Ameer Khammoo, Alaa Mahdi und Beate Wather vom Klever Freundschaftsorchester. Foto: Thorsten Lindekamp

Kleve.   Das Klever Freundschaftsorchester kombiniert auch schonmal Musik von Helene Fischer mit arabischen Klängen. Ein Tanz auf kulturellen Brüchen.

Ameer Khammoo (24) hält sein Smartphone hoch. Er hat seinen Kumpel Alaa Mahdi (20) aufgenommen, wie er Klavier spielt.

Ein echtes Talent. „Zuhause hatte ich keine Chance, Musik zu machen“, erzählt Alaa. Zuhause, das ist die syrische Provinz Daraa. Ein Spielzeug-Keybord hatte er, das nahm er bei der Flucht aus Syrien mit.

Jetzt ist er stolzer Besitzer eines E-Pianos. Hart erspart vom Asylbewerberleistungsgeld. Alleine auftreten will er noch nicht, dafür fühlt er sich noch nicht gut genug. Und weil sein E-Piano zu schwer zum Mitnehmen ist, übt er jetzt nebenbei auch noch Akkordeon.

Das spielt er dann beim KLEFOR, dem Klever Freundschaftsorchester.

Freundschaftsorchester? Das ist eine Idee von Thomas Ruffmann. Der arbeitet bei der VHS Kleve und ist als Geiger schon seit vielen Jahren in Sachen außereuropäischer Musik unterwegs.

Als dann 2015 die vielen Flüchtlinge kamen, überlegte er sich, wie man ihnen wirklich begegnen könne. Und kam auf zwei Dinge: Miteinander kochen.

Und: miteinander Musik machen.

Viele Mitglieder des Orchesters, Deutsche und Flüchtlinge, sind inzwischen Freunde geworden. „Im Prinzip teilen wir die Lieblingsmusik jedes Einzelnen miteinander“, sagt Ruffmann. Das ergibt manchmal bizarre Konstellationen. Wenn etwa ein junger Afghane unbedingt Schlager von Helene Fischer spielen will. Dann machen sie das zum Beispiel mit Gitarren, Percussion und orientalischen Instrumenten.

Überhaupt regiert ein bisschen das kreative Chaos. Daran mussten sich die deutschen Mitglieder erst gewöhnen. Kann sein, dass bei einem Auftritt ein paar Musiker fehlen und dafür andere da sind, die längere Zeit nicht bei den Proben waren. Kann auch sein, dass die Deutschen Noten vor sich haben, ein Spieler der Nay-Flöte aber eine andere Tonart benötigt und sowieso nach Gehör spielt.

Und dann gibt es Lieder, die im Balkan bekannt sind und im Nahen Osten auch, nur anders. „Man muss sich darauf einstellen“, sagt Beate Walther, eine der deutschen Mitspielerinnen, die von Anfang an dabei sind. „Und manchmal kann man auch nur staunend zuhören.“

Während für deutsche Mitspieler oft im Mittelpunkt steht, etwas Neues kennenzulernen, ist das bei den ausländischen Musikern bisweilen anders.

Ameer Khammoo zum Beispiel, jesidischer Kurde aus dem irakischen Mossul, hat schon als Sechsjähriger Saz gespielt, eine spezielle Lautenart. Er kennt hunderte Lieder auswendig. „Ein Profi“, sagt Alaa.

Und einer, der das Orchester trägt. Er wird übermorgen in der Klever Stadthalle auftreten, vor einem Konzert des Kinderorchesters NRW. Dort wird dann als Solist der syrische Flüchtling Farid Gheisary zu hören sein. Er hat sich die persische Ney selber beigebracht und geht jetzt mit dem Kinderorchester auf Tournee. Auch er ist ein KLEFOR-Musiker. Da sieht man deutlich, was Liebe zu Musik bewirken kann.

Während in vielen Punkten also die Idee, gemeinsam Musik zu machen, menschlich durchaus erfolgreich ist, gibt es leider manchmal auch den gegenteiligen Effekt. Ein bestimmter kurdisch-irakischer Musiker spielt nur noch mit, wenn ein bestimmter iranischer nicht da ist – und umgekehrt. „Die haben ihre Konflikte aus ihrer Heimat mitgenommen“, sagt Ruffmann.

Manchmal gibt es rein sprachliche Missverständnisse. Spielt da einer ein arabisches Lied oder improvisiert er? Wie soll er es erklären, wenn er weder deutsch noch englisch spricht?

Auch die verschiedenen Niveaus der Musiker machen einigen zu schaffen. Dass ein Amateur im selben Konzert singen darf wie ein Profi, kann der Profi partout nicht verstehen. Kulturelle Brüche, die man nicht einfach beheben kann. Ruffmann: „Manches ist unlösbar, damit müssen wir leben.“

Aber das entmutigt den inzwischen harten Kern nicht. Waren es anfangs noch 50 Leute bei Workshops und Sessions, sind es inzwischen deutlich weniger. Beate Walther hat schon vieles aus den Treffen, Proben und Sessions mitgenommen. Sie hat sogar gelernt, persische und arabische Lieder zu singen, wobei ihr die Flüchtlinge stark geholfen haben.

Perfekt mag das alles nicht sein. Ist aber nicht schlimm. „Wir sind halt ein nicht perfektes Orchester“, schmunzelt sie.

>>INFO: Das Kinderorchester NRW zu Gast in Kleve

Im Kinderorchester NRW (KIO) spielen 80 musikalisch besonders begabte Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren zusammen. Und das ziemlich professionell: Zweimal im Jahr stellen die jungen Musiker ein ambitioniertes Konzertprogramm auf die Beine, mit dem sie dann durch ganz NRW touren. Ein großes Sinfonieorchester – wenn auch mit kleinen Musikern. Unterstützt wird das Kinderorchester NRW vom Verein zur Förderung von Landesjugendensembles. An diesem Sonntag, 29. April, ist das KIO in Kleve zu Gast. Gemeinsam mit einigen Musikern des Klever Freundschaftsorchesters hat das Kinderorchester ein Konzertprogramm erarbeitet, das sich zwischen westlicher Klassik und türkisch-arabischer Volksmusik bewegt. Die Besucher erwartet ein multikulturelles Familienkonzert. Ein weiterer Programmpunkt: Die Musiker des Klever Freundschaftsorchesters sorgen vorab im Foyer der Stadthalle für den musikalischen Auftakt zum Konzert.

Einlass: 15.30 Uhr. Eintritt: Kinder 6 €, Erwachsene 12 €, Familienkarte (Eltern mit bis zu drei Kindern) 30 €, Infos an der Tageskasse unter: 02821/97 08 08.

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