Eine Jubelschrei kam Jessica Wissmann gar nicht mehr über die Lippen, als nach fünf Minuten Nachspielzeit der Abpfiff von Schiedsrichterin Franziska Wildfeuer ertönte. An fehlender Kraft hat es nicht gelegen, auch wenn die Trainerin der SGS bei Bayer Leverkusen genau wie ihre Spielerinnen 95 Minuten alles gegeben hat. Mehr mit der Stimme als mit den Beinen. Doch als die Partie dann vorbei war, sorgte der erste Saisonsieg für einen Energieschub. Wissmann rannte quer über das Feld und umarmte jede Spielerin einzeln. So sah sie aus, die pure Freude über den lang herbeigesehnten Befreiungsschlag im Abstiegskamp der Frauenfußball-Bundesliga.
„Das ist schwer in Worte zu fassen. Ich freue mich einfach unfassbar für die Mannschaft“, sagte Wissmann, als ihre Stimme allmählich wieder zurückkehrte. Denn auch tabellarisch hat der Erfolg in Leverkusen eine Signalwirkung: Die rote Laterne übergibt die SGS an Carl-Zeiss Jena und hat bei nunmehr nur noch zwei Punkten Rückstand auf den Nicht-Abstiegsplatz wieder in Sichtweite. Doch zu dieser Sachlichkeit war Wissmann noch gar nicht bereit: „Ich bin einfach nur happy gerade und schaue freudestrahlend in die Zukunft.“
Fußball-Bundesliga: Kapitänin der SGS Essen fällt kurzfristig auf
Ihre Mannschaft war in Leverkusen von Beginn an gut im Spiel und überstand die zuletzt immer wieder kritische Anfangsviertelstunde schadlos. Wissmann setzte nach dem kurzfristigen Ausfall von Kapitänin Jacqueline Meißner mit einer „Tannenbaum-Formation“ auf Kompaktheit. Doch dann wären die Essenerinnen nach einer falschen Entscheidung von Laura Pucks doch fast in Rückstand geraten. Die Verteidigerin versuchte es im Strafraum in Bedrängnis spielerisch zu lösen. Kögl war dazwischen und leitete den Ball sofort zu Fudalla weiter. Doch die scheiterte am Außenpfosten (18.). Es war der Beginn einer ersten Druckphase der Gastgeberinnen.
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Denn die merkten plötzlich: Wenn sie im Spiel nach vorne das Tempo erhöhen, reißen sie Lücken in die Essener Defensive. Eine solche nutzte Zdedel nach einer Spielverlagerung und zog aus halblinker Position ab, doch Essens Torfrau Kim Sindermann, die die am Fuß verletzte Luisa Palmen blendend vertrat, hatte den Ball im Nachfassen (26.). Mitten in die Dranphase der Gastgeberinnen hatte die SGS plötzlich den Torschrei auf den Lippen: Ramona Maier bediente Shari van Belle, die den Ball mit rechts mitnahm und mit links abschloss. Doch er klatschte an den Querbalken (28.). Die beste Chance im Spiel hatten damit die Gäste.
SGS Essen: Verteidigerin Paula Flach wird blutüberströmt ausgewechselt
Doch die mussten dann erst einmal einen Schock verarbeiten: Paula Flach spielte wegen ihres Nasenbeinbruchs aus dem Spiel in Potsdam ohnehin schon mit einer Spezialmaske und bekam den Ball nach einer Rettungsaktion ausgerechnet ins Gesicht. Blutüberströmt musste sie ausgewechselt und von Kollegin Julia Debitzki minutenlang getröstet werden (43.). Auf dem Feld musste die SGS auch noch eine kritische Situation nach einem Leverkusener Eckstoß überstehen. Aus dem Getümmel kam der Ball aufs Tor, doch Lena Ostermeier und Pucks retteten jeweils auf der Linie (45.).

Nach dem Seitenwechsel waren die Gäste zunächst aktiver. Vanessa Fürst trieb den Ball auf rechts nach vorne und spielte im richtigen Moment zu Natasha Kowalski, die zu lange brauchte, ehe sie abschloss. So konnte Leverkusen den Ball blocken und eine aussichtsreiche Möglichkeit war dahin (51.). Aber die Essenerin bekam noch eine zweite Chance: Leverkusens Torfrau rutschte nach einem Rückpass weg, war aber noch knapp vor der heranstürmenden Laureta Elmazi am Ball. Allerdings landete ihre Rettungsaktion genau vor den Füßen von Kowalski, die nun zur Führung traf (58.).
Kurios daran: Ihr Abschluss war wieder nicht optimal. Turanyi hätte ihn wohl auf der Linie geklärt, doch Torfrau Moll war kurz zuvor noch mit den Fingern am Ball und lenkte ihn genau ins Eck. Unverdient war die Führung zu diesem Zeitpunkt nicht. Und die SGS wollte das Momentum jetzt nutzen: Elmazi machte sich nach einem Konter auf den Weg in Richtung Bayer-Tor, doch Keeperin Moll war Sekundenbruchteile vor ihr am Ball (60.). Es war das letzte Mal, dass sie im Mittelpunkt stand. Denn in den letzten 30 Minuten war es für die SGS eine reine Abwehrschlacht – mit einer starken Sindermann zwischen den Pfosten und einer überragenden Ostermeier davor.
SGS Essen geht die Luft aus, doch Bayer Leverkusen fällt viel zu wenig ein
Einen Schuss von Bender ließ Sindermann zwar klatschen, packte aber rechtszeitig vor Kehrer zu (66.). Die Versuche von Leverkusen wurden immer verzweifelter. Gegen das Bollwerk der SGS versuchten es die Gäste zunehmend mit hohen Bällen. In Mädl war eine Abnehmerin eingewechselt worden, doch ihr Kopfball war für Sindermann keine große Prüfung (84.). Besser war die Chance für Bender aus der zweiten Reihe, doch ihr Versuch verfehlte das lange Eck knapp (88.). Zittern musste die SGS noch ein wenig: Umso größer aber war der Jubel, als es geschafft war.

„Wir haben uns in den vergangenen Wochen stetig verbessert, konnten das aber nicht in Punkte ummünzen. Und jetzt hat auch das funktioniert“, sagte eine euphorisierte SGS-Trainerin.
Bayer Leverkusen - SGS Essen 0:1 (0:0)
SGS Essen: Sindermann – Pucks, Bäcker, Ostermeier – Flach (43. Berentzen), Platner, van Belle (62. Feldkamp), Fürst – Elmazi (63. Potsi), Maier – Kowalski (90. Köpp).
Tor: 0:1 Kowalski (58.).


