Der gemeine Fußballfan, er neigt zur Überreaktion. Wir suchen uns dann das raus, was in unser Narrativ passt, unsere Meinung unterstreicht. Und was bietet der SC Rot Weiß Oberhausen in dieser Regionalliga-Saison dafür Möglichkeiten. Allein beim 3:2 (0:0)-Sieg in Wuppertal am Freitagabend konnte man eine gute Stunde genügend Argumente finden, dass die Kleeblätter auf jeden Fall zum erweiterten Kreis der Topteams gehören, allen Abschlussschwächen zum Trotz. In der 75. Minute hätte man genügend Argumente beisammen, um zu behaupten, dass der Kader zu schwach besetzt und man zum Saisonende um die goldene Ananas spielt. In der fünften Minute der Nachspielzeit dann wieder Ekstase – wer so ein Spiel gewinnt, kann potenziell alles gewinnen. Alles legitim, die Sportredaktion versucht ganz nüchtern die drei Lehren aus der Partie zu ziehen.
1. Drew Murray fehlt den Kleeblättern: Der Innenverteidiger ist für RWO aktuell nicht zu ersetzen. Das soll keinesfalls als Kritik an Simon Ludwig zu verstehen sein, denn der machte eine Stunde lang ein richtig gutes Spiel. Unter der Woche wurde ihm von Trainer Sebastian Gunkel der Rücken gestärkt, mutiger mit Ball zu spielen. Der Linienchef hatte seine Hausaufgaben da bereits gemacht, Wuppertal hatte Ludwig als potenziell schwächsten Aufbauspieler auserkoren und ließ ihn gewähren. Ludwig traf jedoch gute Entscheidungen, war der Pass in die Schnittstelle nicht möglich, wählte er den langen Diagonalball. Allerdings gelingt es Ludwig (noch) nicht, das ganze 90 Minuten lang abzurufen und wäre beinahe die tragische Figur geworden.
RWO: Simon Ludwig fliegt mit Rot vom Platz und wird den Kleeblätter nun fehlen

In der 68. Minute stellte er gemeinsam mit Alexander Mühling Ronay Arabaci nicht, Nico Klaß blockte den gefährlichen Versuch. Auch lässt er sich zwei Minuten später von Vincent Dominic Schaub vor dem 1:1 viel zu einfach ausspielen und verpasste es auch vor dem Elfmeter und seiner Roten Karte eben Selbigen vor dem Strafraum zu blocken. Beim Ausgleich muss man auch Lucas Halangk und Klaß in die Verantwortung nehmen, beim 1:2 natürlich auch Eric Gueye. Jetzt fehlt Ludwig zu dem gesperrt, es wird mal wieder dünn in der Dreierkette.
2. Moritz Stoppelkamp ändert die RWO-Statik: Lange konnte man rätseln, wie Stoppelkamps zweites Engagement bei RWO nun weitergehen würde. Viermal ohne Einsatz auf der Bank wurde er plötzlich in die Startformation gespült. Gunkel passte um ihn herum an, wählte Elias Demirarslan als defensivdenkende Alternative zu Burinyuy Nyuydine oder Ayman Aourir. Stoppelkamp war zunächst sehr positionstreu als linker Halbstürmer. Im Laufe der ersten Halbzeit bot er sich jedoch immer wieder Ludwig zur Unterstützung an, ließ sich weiter ins Zentrum fallen, wollte Ballkontakte und Kreativität anbieten.
Stoppelkamp erkennt Räume wie kaum ein anderer, war deshalb beim Führungstreffer eben auch als Erster zur Stelle, wirkt damit aber auch fast gravitativ auf seine Mannschaft. Taucht er woanders auf, müssen sowohl Gegner als auch Mitspieler darauf reagieren. Das sorgt bei Ballverlusten im Umschaltspiel hier und da für lange Wege, ändert Automatismen. Deshalb reagierte Gunkel nach einer guten Stunde und brachte Mühling für seinen Torschützen. Stoppelkamp war die fehlende Spielpraxis zum einen anzumerken, zum anderen sollte durch Mühling mehr Kompaktheit hergestellt werden.

RWO: Joker Ilia Poliakov bereitet den 3:2-Siegtreffer durch Lucas Halangk vor
3. RWO kommt zu selten hinter die Kette: Gueye ist als Rechtsfuß nicht prädestiniert dafür, bis zur Grundlinie durchzubrechen, auch Stoppelkamp oder Nyuydine suchen den Weg nach Innen. Auf der anderen Seite ist auch Halangk nicht der Spieler, der die Tiefe attackieren will oder dann noch seinen Mitspieler findet. Vor dem 2:2 war es ein Tiefenlauf vom kurz zuvor krampfenden Michel Niemeyer, der Gueye den Raum für die Flanke gab, mit der Luca Schlax – wieder übrigens mit einer starken Leistung – das Eigentor erzwang. Beim Siegtreffer war es Joker Ilia Poliakov, der nach Klaß‘ sensationeller Rettungstat, den Angriff einleitete, 60 Meter weiter vorne Schlax hinterlief und dann die Flanke zum 3:2 schlug.
Was all das vereint: Gunkel darf sich selbst auf die Schulter klopfen. Ludwig war auf seine Rolle gut vorbereitet, Schlax rückte nach einer guten Stunde in den Zehnerraum, um dort zu pressen und aber auch seine Gefahr im Strafraum einzubringen, Stoppelkamp spielte von Beginn an und markierte das wichtige 1:0. Dazu kommt das glückliche Händchen durch Poliakovs Vorlage zum 3:2, die auch deshalb fällt, weil der ebenfalls eingewechselte Christopher Schepp gleich zwei Verteidiger auf sich zieht und der auf links geschobene Halangk dann aus dem Hintergrund ungedeckt einschieben kann.
Also, ist RWO nun eine gute Regionalligamannschaft, zu schwach besetzt oder kaum aufzuhalten? Diskutieren wir weiter (gerne auch mal mit mehr Zuschauern im Stadion Niederrhein) – langweilig ist diese Saison auf jeden Fall nicht.


