Als der Melder ging, da war es vor allem ein Gedanke, der Ludger Janßen durch den Kopf schoss: „Das kann doch nicht wahr sein“. Zu diesem Zeitpunkt war er zu Hause, spielte mit seinem Sohn. Dass er an jenem 24. Juli 2010 alarmiert wird, hat Janßen, der damals bei der Feuerwehr Moers arbeitete, nicht geahnt. An diesem Tag ist es warm, die Sonne brennt – und in Duisburg läuft die Technoparade „Loveparade“ auf Hochtouren. Erst viel später wird Janßen begreifen, was an jenem Tag passiert ist. „Tote bei der Loveparade“, tickern die Nachrichtenportale am frühen Abend. Bei einem Gedränge im Zugangsbereich ließen 21 Menschen ihr Leben, unzählige weitere wurden verletzt und traumatisiert. Und mittendrin: Ludger Janßen.
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„Ich hatte an dem Tag die Aufgabe, einen Patiententransportzug zu führen“, berichtet er im Gespräch mit der Redaktion. Eine Entscheidung, die im Zuge der Vorplanung zur Loveparade getroffen wurde. Manche Kräfte waren direkt in Duisburg eingesetzt, dazu gehörte Janßen nicht. Es galt als unwahrscheinlich, dass er alarmiert wird, er war als Reserve im Einsatz. „Wir werden im Leben nicht angerufen“, hat er noch im Vorfeld gedacht. „Da sind so viele andere, die vor uns dran sind.“ Ein Trugschluss.
Loveparade-Katastrophe in Duisburg: Plötzlich war von Toten die Rede
„Dann habe ich mich ins Auto gesetzt und bin zur Wache nach Moers gefahren“, sagt Janßen. Erst von dort aus sollte es weiter Richtung Duisburg gehen. „Auf dem Weg habe ich schon telefoniert.“ Erste Informationen sickerten dabei durch, von einer „Massenpanik“ ist die Rede. „Mehr Informationen hatten wir zu diesem Zeitpunkt nicht.“ Und dennoch: Janßen wusste schon da, dass dieser Einsatz anders ist. „Wenn ich weiß, dass schon die Reserve genutzt wird, dann denkt man schon, dass es etwas mit größerem Ausmaß ist.“ Er sollte recht behalten.

Gesammelt ging es nach Duisburg, zunächst in einen Bereitstellungsraum. Dort drangen immer mehr, zunächst unbestätigte Informationen zu den Einsatzkräften vor. „Da scharten sich alle vor dem Fernseher.“ Plötzlich war von Toten die Rede. Dann ging es Schlag auf Schlag. „Von da aus haben wir relativ schnell einen Einsatzauftrag bekommen“, berichtet Janßen. Es ging auf die A 59, hier war bereits ein Behandlungsplatz eingerichtet. In mehreren Zelten lagen die ersten Verletzten.
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Und dann kam das Bild, das Janßen auch 14 Jahre später nicht vergessen hat. Unmittelbar neben der Autobahn – „ungefähr 400 Meter entfernt“ – sah er die feiernde Menschenmasse auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs, konnte die Paradenwagen im Kreis fahren sehen, hörte die dröhnende Musik. Zahlreiche verletzte Menschen auf der einen Seite, feierndes Partyvolk auf der anderen. Bilder, die kurze Zeit später um die Welt gehen. „Das war vollkommen surreal.“
Loveparade-Unglück in Duisburg: Moerser Feuerwehrmann begriff Ausmaß erst später
Zeit, diese Bilder zu verarbeiten, blieb nicht. „Das ist eine Stärke, die Feuerwehrleute üblicherweise haben“, erklärt er. „In diesen Momenten funktioniert man einfach.“ Und das tat er. Schnell brachten er und seine Kolleginnen und Kollegen die ersten Verletzten in Krankenhäuser, fuhren zurück nach Duisburg – und wiederholten die Prozedur. Wie oft, das kann er heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. Erst viel später, als er abends zu Hause war, konnte Janßen das komplette Ausmaß der Katastrophe begreifen. Er hatte es an jenem Tag mit Verletzten zu tun, sah selbst keine der Toten.
Das ist eine Stärke, die Feuerwehrleute üblicherweise haben. In diesen Momenten funktioniert man einfach.
Ludger Janßen
Mit für Laien dramatisch wirkenden Situationen kennt Janßen sich aus. Als hauptamtlicher Feuerwehrmann hat er viel erlebt. Tote, eingeklemmte Personen. „Solche Sachen sind anders schlimm“, erklärt er. „Hier ist es die Dimension, die diesen Einsatz besonders macht.“ So weiß Janßen auch heute noch genau, wo er war, als sein Melder an jenem 24. Juli losging. Aus seinem Umfeld kennt er zudem jemanden, der zu diesem Zeitpunkt als Besucher bei der Loveparade war. „Der hat das für mich nochmal realistischer gemacht.“

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Die Katastrophe von Duisburg spiele dennoch in Janßens Alltag keine große Rolle mehr. Nach 14 Jahren ruht das Thema. Ausnahme: Wenn er über die A 59 fährt. „Die Bilder sehe ich dann jedes Mal, wenn ich da vorbeikomme. Das löst zwar nichts Großes in mir aus, aber die Gedanken sind schon da.“





