Geert Wilders‘ Bühne ist klein geworden. Der Mann, der die Niederlande für immer verändern wollte, steht in einem Kaff irgendwo zwischen Rotterdam und Breda auf dem Bürgersteig und lässt die Dorfbewohner wissen, dass er noch da ist. Moerdijk ist ein todgeweihter Ort, der einem großen Industriegebiet weichen soll – die knapp 1000 Einwohner verlieren ihre Heimat. Wilders ist gekommen, um ihnen beizustehen und sie anzustacheln.

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Vor einem Fischladen gibt der 62-Jährige Interviews. Der beschlossene Abriss des Dorfs sei „eine Schande“, ruft er in die TV-Kameras. Dann greift er seinen Rivalen an, der wohl nächster Ministerpräsident werden wird: Rob Jetten (38) habe im Wahlkampf versprochen, gegen die Wohnungsnot zehn neue Städte bauen zu lassen, schimpft Wilders: „Da ist es kein guter Anfang, erst ein Dorf zu streichen.“
Gut einen Monat nach seiner Wahlniederlage tingelt der selbsternannte „Euro-Trump“, der sich auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten sieht, durch die niederländische Provinz. Die Chronologie seines Scheiterns zeigt, wie aus dem Hoffnungsträger der europäischen Rechtspopulisten innerhalb weniger Monate eine lahme Ente wurde.
26. Mai 2025, Den Haag: Ein Bruch mit Ansage
Nachdem die Regierung zahlreiche Fehlschläge produziert hat, bittet Wilders zu einer Pressekonferenz. Er stellt den Reportern überraschend einen Zehn-Punkte-Plan zur Eindämmung der Migration vor – darunter der Einsatz der Armee zum Schutz der Grenzen. Die Forderungen haben es in sich. Wilders stellt die anderen Parteien des von seiner Partij voor de Vrijheid (PVV) geführten Viererbündnisses vor ein Ultimatum, das die Regierung sprengen wird: Entweder sie unterzeichnen den Plan – oder er werde die Koalition auflösen.

Der Bruch kommt Anfang Juni. Da sind die Minister seit gerade einmal elf Monaten im Amt. Wilders‘ Kalkül: Er will fordern, ohne Kompromisse einzugehen. Es ist nicht das erste Mal, dass er Verantwortung wegschiebt. „2012 hatte er schonmal so eine Phase“, sagt Prof. Jacco Pekelder zur NRZ, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien in Münster. Damals brach Wilders Verhandlungen über ein Sparpaket mit Premier Mark Rutte (58) Hals über Kopf ab, es kam zur Neuwahl. „Er wurde danach von den Wählern abgestraft. Aber er hat sich erholt.“ Der Mann sei ein Stehauf-Männchen.
Geert Wilders ist ein Stehauf-Männchen.
Jacco Pekelder, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien in Münster
1. Juli 2025, Helmond: Hetze mit Folgen
Wilders ist im Wahlkampfmodus. In einem Städtchen zwischen Eindhoven und Venlo schließt er sich dem Protest gegen ein geplantes Asylzentrum an – und heizt seinen Zuhörern ein: „Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Helmond, lasst das nicht zu. Ihr habt das Sagen in dieser Stadt, nicht der Bürgermeister“, tönt er und ruft sie dazu auf, sich „gegen noch mehr Asylzentren zu wehren“. Tage danach tritt er in Zwolle auf, wo ebenfalls eine Flüchtlingsunterkunft gebaut werden soll. Dort wiederholt er seine aufwiegelnde Botschaft.
Knapp zweieinhalb Monate später kommt es bei einer Demo für eine härtere Asylpolitik in Den Haag zu Krawallen. Rechtsextreme greifen die Polizei und ein Büro von Jettens linksliberaler Partei D66 an. Die heftige Gewalt löst im ganzen Land Entsetzen aus. Wilders muss sich die Frage gefallen lassen, ob er die Täter angestachelt habe. Er verwehrt sich dagegen. Doch spätestens jetzt glaubt kaum noch jemand, dass in dem platinblonden Eiferer ein seriöser Staatsmann steckt.
Mehr über Geert Wilders
29. Oktober, Den Haag: Ein Verlierer will Gewinner sein
Der Tag der Neuwahl. Wilders‘ Anti-Islam-Partei verliert im Vergleich zur letzten Abstimmung 2023 mehrere Mandate, Jettens D66 schafft einen knappen Sieg. Wilders erweist sich als schlechter Verlierer. Auf der Plattform X teilt er in Trump-Manier Berichte über angeblichen Wahlbetrug. „Es hagelt solche Meldungen aus dem ganzen Land“, behauptet er. Tatsächlich gibt es keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten.
Er erinnert an einen Fußballtrainer, der eine Niederlagenserie erklären soll und dem Schiedsrichter die Schuld zuweist. Selbstkritik? Fehlanzeige. Grund dazu hätte er. Die von ihm ausgewählten PVV-Minister und -Ministerinnen haben eine denkbar schlechte Figur abgegeben, ihre Unerfahrenheit war offensichtlich. Nicht mal bei Wilders‘ Kernthema, der Migration, konnte die Regierung Erfolge erzielen. Wilders hat sich verzockt. „Ich denke, das wird eine Warnung für seine populistischen Kollegen überall in Europa sein, sei es in Deutschland oder Le Pen in Frankreich“, sagt der niederländische Politikwissenschaftler René Cuperus. „Man darf in der Regierung keine Fehler machen, das ist die wichtigste Lektion.“
Anfang November, Den Haag: Parteifreunde rücken von Wilders ab
Wilders‘ Macht erodiert in den Wochen nach der Wahl. Vertreter seiner eigenen Partei rücken von ihm ab und tadeln, er sei im Wahlkampf zu blass gewesen. Ein PVV-Politiker wirft in der Zeitung „AD“ anonym die Frage auf, ob sein Chef Angst vor Verantwortung habe.
Unverblümte Kritik am großen Vorsitzenden ist in der PVV ein bemerkenswerter Vorgang. Denn Wilders ist deren einziges Mitglied, er allein bestimmt über Kandidaten und Inhalte. Die Partei bestehe „nur aus einem Mann mit einem Twitter-Account“, ätzt seine Konkurrentin Dilan Yesilgöz (48) von der konservativen VVD.

28. November, Moerdijk: Was wird aus Wilders?
Der geplante Dorf-Abriss bietet Wilders die Chance, wieder in die Offensive zu kommen. Als er in die Kameras spricht, handelt er nach seinem seit Jahren bekannten Muster: Mediales Interesse erzeugen, ohne selbst etwas zu entscheiden. „Ich hoffe, die Aufmerksamkeit hilft den Menschen hier in Moerdijk“, beteuert er.
Seine Bilanz ist verheerend. Die von Wilders installierte Regierung sei „von internen Machtkämpfen, Instabilität und Inkompetenz geprägt“ gewesen, konstatiert Jules Maaten von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. „Bezeichnenderweise war ihr größter Erfolg ein Feuerwerksverbot, das im April verabschiedet wurde.“
Hat Wilders in Den Haag eine Zukunft? „Diese Frage stellt er selbst sich sehr ernsthaft“, so Jacco Pekelder vom Zentrum für Niederlande-Studien. „Es gibt Spekulationen, dass er nach Brüssel ins EU-Parlament wechseln könnte. Dort hätte er eine größere Bühne.“ Wilders selbst versichert, er denke nicht an Rückzug aus der Politik: „Ihr werdet mich erst los, wenn ich 80 bin.“






