Das Meer so warm wie eine Badewanne, die Sonne knallt vom Himmel, das Thermometer zeigt um die 40 Grad. Ein Roadtrip im aufgeheizten Wohnmobil entlang der Côte d’Azur, der Costa Brava oder der Amalfiküste fühlt sich im Sommer 2026 an wie Urlaub in der Sauna. Erholung? Nicht bei so einer Hitze!

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Der Tourismusforscher Andreas Reiter hat schon vor einigen Jahren vorausgesehen, was der Temperaturanstieg für europäische Ferienziele bedeutet: eine Art Exodus urlaubender Klimaflüchtlinge vom Mittelmeer Richtung Nord- und Ostsee. Wegen der globalen Erwärmung werde es immer mehr Menschen im Süden zu heiß, prophezeit der Wiener Wissenschaftler. Die suchten sich bald neue Ziele für den Sommer. Davon, so Reiter, werden vor allem zwei Länder profitieren, die Besuchern guten Gewissens eine frische Brise versprechen können: die Niederlande und Schweden.

Bislang existierte das Phänomen der „Coolcation“ – das gezielte Ausweichen in kühlere Urlaubsregionen – vor allem als Theorie. Nun zeigt eine Analyse, dass Forscher wie Reiter recht haben.

Studie: Niederlande bei Campern immer beliebter

Das ADAC-Campingportal Pincamp hat Buchungen von Wohnmobilisten für die Reisejahre 2023 bis 2026 ausgewertet. Ergebnis: Südeuropa finden die Deutschen langsam, aber deutlich zu schwitzig. Stattdessen gewinnen milde Ziele sowie Reisen außerhalb der klassischen Sommerferien an Bedeutung.

„Der Trend zur sogenannten Coolcation wird zunehmend sichtbar. Urlauber suchen nicht weniger Sonne, sondern angenehmere Bedingungen während der heißesten Wochen des Jahres“, sagt Pincamp-Geschäftsführer Uwe Frers. Das schlage sich in aktuellen Buchungsdaten erstmals spürbar nieder. Profiteure der Entwicklung sind demnach vor allem skandinavische Länder. Dänemark, Norwegen und eben Schweden verzeichnen laut Pincamp im Juli und August ein Wachstum von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Noch deutlicher wird die Entwicklung im längerfristigen Vergleich: Seit 2023 ist die Nachfrage nach Campingurlauben in Nordeuropa während der Sommermonate explodiert, der Anstieg beträgt 68 Prozent.

Wetter in Italien
Heißer Juni in Italien: Das Thermometer einer Drogerie in Rom zeigt 42 Grad an.© AP/dpa | Alessandra Tarantino

Lieber Holland als Italien

Auch die Niederlande werden immer beliebter, zumindest bei Campern. Pincamp stellt ein erstaunliches Buchungsplus von 22 Prozent im Vergleich zu 2025 fest. Während Deutsche etwa in Dänemark neben Zeltplätzen auch immer mehr Ferienhaus-Übernachtungen nachfragen, ist die Lage in Holland differenziert. Einerseits kommen viel mehr Camper, andererseits bleiben klassische Sommerhaus- und Hotelurlauber zunehmend weg. Experten führen das auf die zu Jahresbeginn gestiegene Übernachtungssteuer zurück.

Der Trend zur sogenannten Coolcation wird zunehmend sichtbar.

Uwe Frers
Uwe Frers, Geschäftsführer des ADAC-Campingportals Pincamp

Deutsche Camping-Regionen profitieren ebenso, sie legen immerhin um zehn Prozent zu. Südeuropa hingegen, traditionell populärstes Campingziel der Deutschen, büßt ein. In Frankreich, Italien, Spanien, Kroatien und Portugal liegt die Zahl der Buchungen für den Sommer unter Vorjahresniveau (minus zwei Prozent). Diese Länder seien nicht nur heiß, sondern für Camper vergleichsweise teuer. „Wo hohe Sommertemperaturen und hohe Reisekosten zusammenkommen, beobachten wir eine erste Veränderung in der Nachfrage“, so Frers. „Hier besteht Offenheit für alternative Reiseziele oder Reisezeiträume.“

Werbung um Coolcation-Touristen

Ferienpark-Betreiber wie Center Parcs wollen Nutznießer dieser Entwicklung sein. Der Konzern wirbt offensiv für kühle Urlaube in den Niederlanden: „An der niederländischen Nordsee steigt die Wassertemperatur im Sommer oft deutlich über 20 Grad. Verglichen zur Riviera eine Coolcation, aber ideal für Surfer und Sommerfrischler. Fast immer weht ein angenehmer Seewind.“ Viele hitzegeplagte Reisende genössen den wolkenverhangenen Himmel und sagten: „Zum Glück sind wir in Holland!“

Auch Schweden macht sich den Wunsch nach Abkühlung bereits zunutze. „Es geht darum, an Orte zu reisen, die nicht nur kühler, sondern auch weniger überlaufen sind“, heißt es vom Tourismusbüro Visit Sweden.

Mehr Urlaubstipps für die Niederlande

Hitzerekord in Frankreich

Das alles vor dem Hintergrund steigender Hitzebelastung. Laut einem aktuellen Bericht des EU-Klimadienstes Copernicus ist Europa der sich am schnellsten erwärmende Kontinent. Seit Mitte der 1990er-Jahre steigen die Temperaturen um rund 0,6 Grad Celsius pro Jahrzehnt – mehr als doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Frankreich etwa erlebte in dieser Woche den heißesten Tag seit Beginn der Messungen 1947. In der Ortschaft Pissos an der Atlantikküste wurden laut vorläufigen Werten des staatlichen Wetterdienstes Météo France am Dienstagnachmittag (23. Juni) 44,3 Grad gemessen. Auch in zahlreichen weiteren Städten wurde es deutlich über 40 Grad heiß.

Wetter in Frankreich
Sommer in Frankreich: Touristinnen wedeln gegen die Pariser Gluthitze an.© AP/dpa | Michel Euler

Die Klimaflucht Richtung Nord- und Ostsee könnte dazu führen, dass es in manchen Orten bald zugeht wie in Venedig während des Karnevals: Experten und Anwohner äußern immer häufiger die Sorge, dass sich der Übertourismus nun von Süden nach Norden verschiebt. Eine Studie der Europäischen Union zieht dieses Fazit: „Wir stellen ein klares Nord-Süd-Muster bei den Veränderungen der Tourismusnachfrage fest. Die nördlichen Regionen profitieren vom Klimawandel, während die südlichen Regionen mit erheblichen Rückgängen der Tourismusnachfrage konfrontiert sind.“