Wo hört plumper Spaß auf und wo fängt Sexismus und Frauenfeindlichkeit an? Eine Frage, die spätestens seit dem kontroversen Song „Layla“ immer wieder aufkommt, sobald die großen Karnevals- und Schützenfestsaisons wieder Fahrt aufnehmen. In den Zelten wird viel gefeiert, getanzt und gesungen. Oft auch zu Songs, die vor allem Frauen gern aufs Korn nehmen. Und wo die einen nur einen harmlosen Spaß sehen, ist für andere die Grenze des guten Geschmacks längst überschritten. So hat die Stadt Erlangen kürzlich eine Liste erstellt mit der Bitte, diese Lieder auf Volksfesten nicht zu spielen – am Niederrhein wird das gemischt aufgenommen.

Doch worum geht es überhaupt? Laut der Gleichstellungsstelle der Stadt habe man sich dutzende kontroverse Partyhits, die in Deutschland immer wieder gespielt werden, angehört und „faktenbasiert“ aufgearbeitet. Auf der Liste gelandet seien schließlich Songs, die eine Grenze überschreiten, indem zum Beispiel Frauen objektifiziert und herabgewürdigt werden: von „Skandal im Sperrbezirk“ bis „Layla“. Konkret stehen diese zwölf Songs auf der Erlanger Liste:

  • „Layla“ von DJ Robin & Schürze
  • „Baby Bell“ von Breitner
  • „10 nackte Friseusen“ von Mickie Krause
  • „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang
  • „Geh mal Bier hol’n“ von Mickie Krause
  • „Deine Freundin“ von SDP
  • „Nein heißt ja“ von G.G. Anderson
  • Das „Donaulied“, bekannt in der Ballermann‑Version von Mickie Krause
  • „Joana (du geile Sau)“ von Roland Kaiser, auch bekannt in der Ballermann‑Version von Peter Wackel
  • „Olé, wir fahr’n in’ Puff nach Barcelona“ von Mickie Krause
  • „20 Zentimeter“ von Mirja Boes
  • „Die Glöcknerin von Dingolfing“ von Dorfrocker

Umstrittene Songs im Zelt: „Wichtig, darüber zu sprechen“

Katharina Esser ist die Schützenkönigin des Vereins Wesel-Feldmark „Vor‘m Clever Tor“. Lieder aus der Playlist zu verbannen, sei hier noch kein Thema. Trotzdem ist sie zwiegespalten. „Von einem großen Verbot halte ich nicht viel. Ich würde viele dieser Songs zwar nicht vermissen, andere aber schon“, sagt die 28-Jährige im Gespräch mit der NRZ.

Schützenfest Wesel Feldmark 2025 Königschießen
Seit August Schützenkönigin: Katharina Esser aus Wesel. So manche Lieder, die in Schützenzelten laufen, sieht die 28-Jährige kritisch.© FUNKE Foto Services | Erwin Pottgiesser

„Wichtig ist es aber, darüber zu sprechen. Viele singen diese Lieder seit Jahren mit, aber haben die Texte noch nie hinterfragt – und würden dann vielleicht auch nicht mehr dahinterstehen.“ Schließlich seien viele Lieder aus der Party-Schlager- und Mallorca-Richtung inhaltlich problematisch. „Die würdigen Frauen herab und fördern – zumindest unterschwellig – toxische Rollenbilder, von denen wir doch eigentlich alle wegkommen wollen.“

Viele singen diese Lieder seit Jahren mit, aber haben die Texte noch nie hinterfragt.

Katharina Esser, Schützenkönigin aus Wesel

Mallorca-Hits gehen oft in dieselbe Richtung

Dass die Lieder größtenteils nicht ernst gemeint sind, sei ihr klar. „Aber es ist schon auffällig, wie häufig es darin gegen Frauen und nicht gegen Männer geht.“ Braucht es also mehr Songs à la „Männer sind Schweine“? „Vielleicht... Oder man macht einfach gar keine sexistischen und abwertenden Songs mehr“, sagt die Weselerin und lacht.

Aktuell steckt ihr Verein noch mitten in den Vorbereitungen für das Schützenfest am zweiten Augustwochenende. Dass hier auch der ein oder andere umstrittene Song gespielt wird, lasse sich im Festzelt kaum vermeiden, „aber es werden vielleicht nicht so viele. Wir wollen die Musik nämlich an ein bestimmtes Thema anpassen“, verrät Esser. In Wesel derzeit hoch im Kurs: die Hits der 2000er.

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Auch der BSV Bruckhausen, der Ende des Monats in Hünxe sein Schützenfest feiert, hat sich wieder ein Thema für den Festfreitag ausgesucht: Wie auch schon in den vergangenen Jahren soll hier hauptsächlich House und elektronische Tanzmusik gespielt werden. In der Vergangenheit hat es aber auch hier den ein oder anderen Abstecher in die Schlager-Welt gegeben.

Keine Probleme in Duisburg und Voerde

„Ohne geht es eben nicht“, sagt auch Sascha Strachowitz, König der Schützenbruderschaft Duisburg-Rahm. „L‘amour toujours spielen wir seit dem Sylt-Skandal nicht mehr. Layla wird auch kaum bis gar nicht mehr gespielt, aber damals ist das immer gut angekommen“, erinnert sich der 50-Jährige. Lieder von der DJ-Liste zu streichen, die seit Jahrzehnten gespielt werden, das hält er allerdings für schwierig. „Die haben sich einfach etabliert und werden von Jung und Alt immer gerne gehört“, ist er sich sicher.

Duisburg - Das NRZ-Königspaar
Sascha Strachowitz, mit Julia Pelzer nicht nur das Königspaar des Duisburger Vereins, sondern auch das NRZ-Königspaar 2025.© FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

„Im Schützenzelt geht es einfach darum, zusammen eine gute Zeit zu haben. Wir sind alle mit dieser Musik groß geworden und wissen, dass man die Texte nicht ernst nehmen darf. Die Frauen in unserem Verein singen die Mallorca-Songs übrigens am lautesten mit.“ Dass sich damit jemand aus dem Verein unwohl fühle, sei ihm deshalb nicht bekannt. „Wäre das anders, würden wir auch anders damit umgehen.“

„Ich singe die Lieder doch selbst mit“

„Ich persönlich finde ein Verbot grundsätzlich eher unangemessen“, sagt Lena Rutkowski. Sie ist seit vergangenem August Königin des BSV Möllen 1864 in Voerde. Diskussionen um die kontroversen Songs habe es hier noch nicht gegeben. Auch fühle sie sich von den bekannten Schlager-Hits nicht persönlich angegriffen. „Ich glaube, dass keiner der entsprechenden Musiker die Gefühle von Frauen absichtlich verletzt, sondern eher die Grenzen des Humors absucht.“

Dass andere manche Textpassagen als problematisch und frauenfeindlich ansehen, könne sie aber auch verstehen. Jeder Verein müsse deshalb selbst entscheiden, welche Hymnen im Zelt angestimmt werden. In Voerde dürfen es aber auch die umstrittenen Klassiker sein: „Ich singe die Lieder doch selbst mit.“